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FELIX EKARDT
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mag als Bereich des ›guten Lebens‹ bezeichnet werden. Eine gerechte Politik
muss via Freiheit die Möglichkeit (!) individuellen Glücks garantieren, doch
niemals darf sie das ›gute Leben‹ selbst regeln – also persönliche Glücks-
konzepte, Weltanschauungen oder Anstandsvorstellungen etc. Indem der klas-
sische Liberalismus den Schutz von Freiheit und Gemeinwohl als Staatsauf-
gabe ansah, war aber (dank des inhaltlich völlig beliebigen und daher besser
zu vermeidenden Gemeinwohlbegriffs) nie wirklich klar, was die ›Gerechtig-
keit‹ und was das ›gute Leben‹ ist. Die hier entwickelte Konzeption zeigt
dagegen, dass nur die Freiheit und ihre vielen Voraussetzungen bzw. förderli-
chen Bedingungen – und alles daraus ableitbare – begründbare (und sogar
universale) Belange sind. Sie machen also den Bereich der ›Gerechtigkeit‹
aus – alles andere gehört zum ›guten Leben‹ und geht die Politik folglich
nichts an. Damit ergeben sich zuallererst zwei klare gerechtigkeitstheoretische
Argumente für die Scheidung von ›Gerechtigkeit‹ und ›gutem Leben‹, mit der
Folge, dass das ›gute Leben‹ wie das Gemeinwohl und der Schutz gegen sich
selbst keine zulässige Freiheitsschranke bildet: Erstens wären Beschränkun-
gen hierin (etwa durch ein beliebiges Bestimmungsrecht der demokratischen
Mehrheit, neue Aufgaben aufzugreifen und dem einzelnen Vorgaben zu ma-
chen) ein Angriff auf die Freiheit zu Gunsten letztlich im Ausgangspunkt
dogmatischer, nicht allgemein begründbarer Belange. Und zweitens fehlen
einfach normativ rationale Maßstäbe dafür, was ein ›gutes Leben‹ ist; privat
gibt es allenfalls das instrumentell Rationale. Das erste Argument interpretiert
die (Handlungs- und Gewissens-)Freiheit und ist daher ersichtlich auch ein
Argument der konkreten Interpretation liberal-demokratischer Verfassungen,
deren Grundrechtsgarantien sämtlich auf dem Freiheitsbegriff aufbauen.
Darum – so lässt sich für multikulturelle Konflikte schlussfolgern – passt
eine ›Leitkultur‹, die eine bestimmte Variante eines ›guten Lebens‹ für alle
vorgibt, genauso wenig zum liberalen Staat wie der postmoderne Relativis-
mus. Es ist damit nicht alles Privatsache, was man in klassisch-liberaler Tra-
dition dafür hält – man darf aber auch nicht alles regeln. Um ein Beispiel jen-
seits der multikulturellen Konflikte zu geben: Man darf also fragen, ob der
klimaschädliche Urlaubsflug gerecht ist, aber nicht, ob mir Fliegen Spaß
macht bzw. ob es mir dabei gut geht und ob ich innerlich für Fortschritt bin.
Auf diese letzteren Fragen muss sich jeder Mensch im Rahmen seines per-
sönlichen Konzepts von einem ›guten Leben‹ (›Tugendethik‹) selbst die Ant-
wort geben. Kurz gesagt: Unrecht hat eine Globalisierungskritik, die sagen
möchte, dass reiche Menschen endlich lernen sollen, dass sie mit weniger
Geld innerlich viel glücklicher wären. Dies hat vielmehr jeder selbst zu
entscheiden. Umgekehrt wiederum darf eine wirtschaftsfreundliche Lebens-
perspektive der globalisierungskritischen Lebensperspektive nicht verbieten,
wochenlang im Park zu entspannen und sich durch Gelegenheitsarbeit über
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik