Page - 308 - in Der Stoff, aus dem Konflikte sind - Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
Image of the Page - 308 -
Text of the Page - 308 -
FELIX EKARDT
308
nicht über die wahre Interpretation einer Religion zu befinden; dies ist eine
Frage des ›guten Lebens‹, nicht der Politik. Deshalb sind verschiedene Reli-
gionen auch gleichzubehandeln.
Speziell das Sport- bzw. Trikotbeispiel sollte man nicht einfach abtun.
Ganz allgemein kann man sagen, dass in modernen Gesellschaften die Pop-
kultur und der Sport gewissermaßen die Rolle übernommen haben, die früher
die Religion spielte. Während man im Mittelalter darüber klatschte, dass die
Marienfigur im Nachbardorf wieder Blutstränen geweint habe, redet man
heute über die neuesten Affären von Boris Becker, David Beckham oder
Michael Jackson. Und hat nicht ein Fußballspiel in aufgeheizter Atmosphäre
oder auch ein Rock-Pop-Konzert heute wesentlich mehr mit einer religiösen
Feier gemein, als der übliche, recht ruhige protestantische Sonntagsgot-
tesdienst? Wenn Religion und Weltanschauung damit aber als ein weit rei-
chendes und letztlich diffuses Phänomen erkannt sind, müssen sich Vertre-
ter/innen einer laizistischen Neutralität fragen lassen, ob auch pop- oder
sportzentrierte Weltanschauungen künftig aus der Schule ferngehalten werden
sollen. Hiermit soll nicht der kommunitaristische Vorwurf erhoben werden,
die liberale Grundordnung sei selbst eine Weltanschauung und damit nicht
neutral (Sandel 1982; MacIntyre 1998). Dies wäre falsch, da die liberale
Ordnung nur ein Konzept der ›Gerechtigkeit‹, aber kein Konzept des gelun-
genen bzw. ›guten Lebens‹ darstellt (da sie Letzteres jedem Menschen selbst
überlässt). Ich meine lediglich: Es ist einerseits der Sinn des Liberalismus und
andererseits auch einfach unvermeidbar, dass jeder Mensch per se eine Welt-
anschauung (ein Konzept des gelungenen Lebens) hat und dass diese An-
schauung unausweichlich immer irgendwie sichtbar ist. Damit ist eine Plura-
lität der Kleidung unter den Bürgern/innen unausweichlich.
Und selbst wenn der Staat vereinzelt einmal eine bestimmte Kleidung
untersagen könnte, weil sie in ihrer Intensität als freiheitsbeeinträchtigend
anzusehen ist (so würde eine nackt erscheinende Lehrerin voraussichtlich zum
Zusammenbruch des Schulunterrichts, also einer Freiheitsvoraussetzung, füh-
ren), dann muss er dies jedenfalls gleichberechtigt für alle Weltanschauungen
tun; andernfalls ist er nicht mehr weltanschaulich neutral. Ungeachtet all
dessen darf jede Art von Religion in der Schule (im Sinne einer historisch-
soziologischen Beschreibung) deskriptiv erwähnt werden. Unzulässig ist es
dagegen – auch dies beachten die bisherigen Landesgesetze oft nicht – den
Kindern im normativ-auffordernden Sinne christliche Werte zu vermitteln:
Der liberale Staat hat keine religiösen Werte des ›guten Lebens‹ zu ver-
mitteln, sondern lediglich liberale Gerechtigkeitsprinzipien. Ob sich diese
Prinzipien faktisch mit christlichen Prinzipien decken (was nur z.T. stimmt),
ist dafür völlig unerheblich. Ausnahmen von der damit strikt gebotenen ›of-
fenen Neutralität‹ gelten freilich, wenn eine weltanschauliche Kleidung derart
aggressiv eingesetzt wird, dass das freiheitlich-friedliche nebeneinander Ste-
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik