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FELIX EKARDT
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ausgebreitet werden. Da dies trivial ist, muss kein Gesetz der Welt dieses
erwähnen. Es geht also eben doch darum, dass den Kindern christliche Werte
vermittelt, also ihnen näher gebracht werden sollen. Der Gesetzgeber will ja
wohl kaum, dass man den Schülern/Schülerinnen sagt: Rein faktisch finden
eben viele bei uns die Hilfsbereitschaft richtig. Man soll doch wohl eher
sagen: Hilfsbereitschaft ist ein begrüßens- und bejahenswerter Wert. Leh-
rer/innen sollen doch offenbar Werte vermitteln, also gerade wertend für sie
eintreten. Dies wird vollends deutlich in Art. 12, 15 und 16 der baden-würt-
tembergischen Landesverfassung, die ausdrücklich fordern, Kinder zu »christ-
licher Nächstenliebe« usw. »zu erziehen«. Die Kinder sollen also keinesfalls
bloß informiert, sondern vielmehr beeinflusst werden. Und hier tritt eben die
Kollision ein: Der liberale Staat hat keine religiösen Werte des ›guten Le-
bens‹ zu vermitteln (sondern nur liberale Gerechtigkeits-prinzipien). Und dies
ändert auch keine Landesverfassung, die ja dem Grundgesetz des Bundes stets
untersteht (Art. 31 GG).
Warum die liberale Demokratie nicht an
Kulturkonflikten zerbrechen muss
Man kann sich bei alldem wundern, warum der Streit über das Kopftuch
derart heftig – mehr oder weniger von allen Beteiligten – geführt wird. Doch
letztlich ist dies nicht verwunderlich. Religion und ihre säkularen Nachfolger
stehen funktional betrachtet für eine Orientierung im Leben, für Sinn und eine
gewisse Sicherheit. Dementsprechend werden hier Kontroversen besonders
heftig ausgetragen. Zudem wird das Kopftuch als Symbol für die gesamte
Kontroverse um die richtige Zuordnung von ›Gerechtigkeit‹ und ›gutem
Leben‹ haftbar gemacht. Dies ist letztlich natürlich überzogen; die konkrete
Argumentation bleibt dabei nicht selten auf der Strecke.
Das hier dargelegte Freiheitskonzept ist das Modell einer autonomen und
freien Selbstentfaltung, das es jedem Menschen – aber eben auch global und
generationenübergreifend – ermöglichen möchte, auf seine Weise glücklich
zu werden. Liberale Gesellschaften und somit auch die europäische Verfas-
sungsordnung haben indes nicht nur eine normative Begründung. Sie haben,
und dies ist das eigentliche Thema beispielsweise Di Fabios (2005), auch so
etwas wie faktische Entstehungs- und Bestandsvoraussetzungen. Diese be-
gründen die liberale Demokratie nicht (sonst ›Sein-Sollen-Fehler‹), und doch
sind sie normativ relevant. Denn die ›Gerechtigkeit‹ soll nicht nur auf dem
Papier stehen, sondern real werden, da die gerechten Normen sonst keine
Konflikte lösen können. Daraus ergibt sich, dass die liberalen Basisprinzipien
ihre eigene Erhaltung fordern. Was aber sind die faktischen Voraussetzungen
autonomiezentrierter Gesellschaftsformen, sozusagen als besondere Freiheits-
voraussetzungen? Man kann sich diese Frage beantworten, indem man daran
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik