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BERND LADWIG
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listisch denkende Eltern müssen damit leben, dass ihre Kinder in staatlichen
Schulen Gedanken kennen lernen, die sie gegen alle möglichen ›Üblichkeiten‹
kehren könnten.
Mir scheint klar, dass darin eine Parteinahme steckt; nicht für besondere
Inhalte und Ziele, jedoch für eine bestimmte Weise der Lebensführung:
wohlinformiert, von eigenen Überlegungen geleitet und mit der Möglichkeit,
einen einmal gewählten Lebensweg auch wieder zu verlassen.9 Dahinter steht
nicht die – irrige – Ansicht, wir könnten uns im Supermarkt der Lebensfor-
men jederzeit ein neues Selbstverständnis besorgen. Im Gegenteil: Wer etwas
ernsthaft vertritt, sollte auch an den rechtfertigenden Gründen interessiert
sein, die dafür sprechen, es zu vertreten – oder doch dafür, es sein zu lassen.
Die Offenheit für Kritik ist kein Zeichen für den Verlust starker, das Selbst-
verständnis prägender Bindungen, sondern die einzig vernünftige Weise, sie
zu pflegen.
Diese Überzeugung zeichnet einen ethischen Liberalismus aus. Er nimmt
an, dass ein gutes immer auch ein selbstbestimmt geführtes Leben ist. Und er
hat keine Scheu, den Staat auf das Ziel der Förderung personaler Autonomie
zu verpflichten. Dieser ethische Liberalismus, so meine ich, ist einem Li-
beralismus vorzuziehen, der auch da noch neutral bliebe, wo Gemeinschaften
ihre minderjährigen Angehörigen in Heteronomie festhalten wollten, indem
sie sie etwa von der sündhaften Welt da draußen oder von verunsichernden
Sichtweisen wie der Evolutionslehre abzuschirmen suchten.
Man könnte meinen, ein ethischer Liberaler müsste darum konsequenter-
weise für eine areligiöse Lebensführung Partei ergreifen. Schließlich gibt ein
Gläubiger sein Leben in die Hände Gottes. Er meint, nicht er selbst, sondern
Gott solle in allen lebensbestimmenden Fragen das letzte Wort haben. Anstatt
das für ihn Gute selbst zu wählen, glaubt er sich an Gottes Ratschluss
gebunden. Aber es wäre ein konkretistischer Fehlschluss, deshalb zu vermu-
ten, jeder religiöse Mensch müsse gegen die Autonomie der Person votieren.
Wer selbstbestimmt lebt, lässt sich von genau den Gründen leiten, die ihm
selbst als die Besten gelten, unter Urteilsbedingungen, die ein vernünftiges
Nachdenken begünstigen (Ladwig 2007: 877 ff). Zu einer autonomen Lebens-
führung gehören Selbstachtung und Selbstvertrauen, die Fähigkeit zu eigen-
ständigem Urteilen und Handeln, ein Mindestmaß an materieller Sicherheit,
9 In der Parteinahme für die Autonomie der Person treffen sich der politische Li-
beralismus des späteren John Rawls und der ethische Liberalismus des späteren
Dworkin; siehe Rawls 2006: 44; Dworkin 1990b. Ähnlich wie Dworkin argu-
mentiert Will Kymlicka 1996: 81ff. Eine perfektionistische, allerdings auf die
besonderen Bedingungen moderner Gesellschaften eingeschränkte Recht-
fertigung für das Autonomieprinzip gibt Joseph Raz 1986. Ich selbst habe den
zentralen Stellenwert der Autonomie für den Liberalismus verteidigt in Ladwig
2000.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik