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BERND LADWIG
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unter Muslimen auf der einen Seite, der zunehmenden Zahl Kopftuch tragen-
der Frauen auf der anderen.
In Ländern, in denen Islamisten herrschen, haben die Frauen keine Wahl
mehr, mit oder ohne Kopfbedeckung aus dem Haus zu gehen – wenn sie es
überhaupt verlassen dürfen und wenn es beim Kopftuch bleibt und sie nicht
vielmehr hinter einer Ganzkörperverhüllung mit gitterartigen Sehschlitzen zu
verschwinden haben. Der Islamismus hebt damit eine archaische Praxis in den
Rang eines Gesetzes. Er schreibt vor, dass Frauen vor allem dazu da seien,
Söhne zu gebären. Als mögliche oder tatsächliche Mütter seien sie Medien
der Ehre von Familie oder Sippe, nichts weiter. Ein eigenständiger Freiheits-
und Glücksanspruch weiblicher Menschen ist im islamistischen Weltbild
nicht vorgesehen. Das alles ist moralisch empörend: Es ist eine veritable
Apartheid, die weltweit Millionen von Frauen trifft und eine nicht weniger
scharfe Verurteilung verdient als seinerzeit die ›Rassentrennung‹ in Süd-
afrika. Dass viele Kulturrelativisten Unterdrückung anscheinend nicht so
schlimm finden, wenn sie religiös verbrämt wird und vor allem Frauen trifft,
ist eine Schande,12 gegen die Autorinnen wie Schwarzer, Necla Kelek, Tas-
lima Nasreen oder Ayaan Hirsi Ali zu recht anschreiben.
Aber längst nicht alle Frauen, die ein islamisches Kopftuch tragen,
bekennen sich damit zum Islamismus. Längst nicht alle wünschen sich Ver-
hältnisse wie in Saudi-Arabien, Iran oder weiten Teilen Pakistans auch in
Deutschland. Eine wenn auch nicht repräsentative Studie der ›Konrad-Ade-
nauer-Stiftung‹ hat deutliche Hinweise darauf ergeben, dass muslimische
Frauen in Deutschland aus recht unterschiedlichen Gründen ihr Haupthaar
bedecken (Jessen/Wilamowitz-Mollendorff 2006). Bei allen methodischen
Schwierigkeiten der Erfassung wahrer Motive scheint klar, dass das isla-
mistische nur eines unter ihnen ist – und wohl nicht das vorherrschende. Auch
machen nicht wenige Mädchen und Frauen glaubhaft geltend, sich frei von
Zwang fürs Kopftuch entschieden zu haben. Wiederum sei zugestanden, dass
Familien subtilere Methoden kennen mögen, weibliche Menschen im Sinne
einer reaktionären Rollenzuschreibung gefügig zu machen. Das mindeste
aber, was Kopftuchgegnerinnen – wie alle Ideologiekritiker – auf sich
nehmen sollten, ist die Beweislast: Ein falsches Bewusstsein dürfte auch unter
muslimischen Frauen nicht die Regel sein.
Generell begründet ist die Vermutung islamistischer Motive hinter dem
Tragen eines Kopftuchs sicher nicht. Sie mag in vielen Einzelfällen berechtigt
sein, aber das wäre jeweils gesondert zu zeigen. Eine solche Einzelfallprüfung
hat das Oberschulamt Stuttgart im Fall Ludin gar nicht für nötig befunden.
Das neue Schulgesetz des Landes Baden-Württemberg schließlich erklärt in
§ 38 Abs. 2 »insbesondere« für unzulässig ein
12 So beispielsweise Susan Moller Okin 1998: 310 ff.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik