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BERND LADWIG
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chen Respekt zu versagen, der ihnen als Bürgerinnen gebührt. Er muss einem
Staat Steuern zahlen, der Homosexuelle zu seinen führenden Repräsentanten
zählt. Er darf jedenfalls nicht gewaltsam gegen Gesetze vorgehen, die Men-
schen Freiheiten geben, die sie in die ewige Verdammnis führen könnten. Ich
will nicht behaupten, dass dies leichte Übungen sind. Aber wenn wir Katho-
liken zutrauen, sie zu meistern, warum dann nicht auch Muslimen? Wie alle
anderen Bürger auch, müssen sie unterscheiden zwischen Ambitionen, die sie
aus ihrer Weltanschauung heraus für geboten halten, und Ansprüchen, für die
sie im öffentlichen Vernunftgebrauch auch Bürger gewinnen könnten, die auf
anderen weltanschaulichen Grundlagen stehen (Rawls 2006: § 9). Nur allge-
mein teilbare Ansprüche dürfen die Grundordnung des Gemeinwesens pro-
grammieren.
Was wären die Alternativen zum Versuch, Muslime für eine solche
Deutung ihrer Bürgerrolle als Gleiche unter Gleichen zu gewinnen? Man
könnte erstens auf einen Modus vivendi hoffen: Menschen finden von un-
vereinbaren weltanschaulichen Standpunkten aus zu Regelungen, die bis auf
weiteres jedem zum Vorteil gereichen. Diese Regelungen wären für jeden
Menschen und jede Gruppe gerechtfertigt, aber nicht für alle gemeinsam,
nicht aus allgemein teilbaren Gründen (ebd.: 293). Der Pferdefuß dieser Lö-
sung liegt darin, dass sie über einen virtuellen Kriegszustand nicht hinaus-
führen kann: Sowie eine Gruppe glaubt, die Kräfteverhältnisse erlaubten eine
Verbesserung der eigenen Stellung, wird sie rational motiviert sein, die
Übereinkunft aufzukündigen. Kein Wunder daher, dass Konservative, die im
Umgang mit Muslimen nur einen Modus vivendi für möglich halten, mit Sor-
ge auf die Geburtenstatistiken blicken.
Die zweite und die dritte Lösung seien nur der Vollständigkeit halber
erwähnt; sie explizieren heißt, ihre Unhaltbarkeit zu erkennen. Denkbar wäre
erstens, dass alle Menschen muslimischen Glaubens aus den westlichen
Gesellschaften auswandern werden. Denkbar wäre zweitens, dass sämtliche
hier lebenden Muslime ihren Glauben aufgeben werden. Ende des Gedan-
kenexperiments.
Wir stehen also vor dem Faktum, dass Muslime in wachsender Zahl
Bürger westlicher Demokratien sind und sein werden. Wollen wir sie nicht in
einen virtuellen Kriegszustand hineintreiben, müssen wir ihnen Angebote
machen, wie sie sich als gläubige Menschen und zugleich als Bürger ver-
stehen können. Ich sehe keine vertretbare Alternative zu dem Versuch, mög-
lichst viele von ihnen für die Sache der liberalen Demokratie zu gewinnen.
Welchen Sinn hätte es, von vornherein zu leugnen, dass sie auch ihre Sache
sein könnte?
So bewundernswert der unter großen persönlichen Gefahren geführte
menschenrechtliche Kampf von Frauen wie Hirsi Ali oder Kelek ist: Wo sie
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik