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DAS ISLAMISCHE KOPFTUCH, ›BAYERN MÜNCHEN‹ UND DIE GERECHTIGKEIT
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suggerieren, das einzig angemessene Verständnis des Islam sei das funda-
mentalistische, erweisen sie der Demokratie, die sie doch stärken wollen,
einen Bärendienst. Wenn der Islam, recht verstanden, keine Spielräume lässt
für eine nicht nur taktisch motivierte Mitwirkung an der politischen Öffent-
lichkeit westlicher Gesellschaften, dann werden nicht wenige Muslime ihren
Glauben ihrer Bürgerrolle vorziehen. Diese Rolle bedarf darum einer Begrün-
dung, die Muslimen nicht schon an der Wurzel wesensfremd vorkommen
muss. Das aber wäre der Fall, wenn diese Wurzel eine exklusiv christlich-
abendländische wäre und auch bleiben müsste.
Die Kulturbedeutung des Christentums
Das leitet direkt über zum fünften und letzten Argument für eine Privile-
gierung des Christentums. Es findet Ausdruck in all jenen ›Kopftuchge-
setzen‹, die Ausnahmen für das Christentum mit dessen Kulturbedeutung
begründen. Anders als das zuletzt betrachtete Argument, setzt es jedoch nicht
voraus, dass der liberale Rechtsstaat eine ganz bestimmte weltanschauliche
Wurzel habe. Vielmehr wird behauptet, christlich geprägte Symbole und Aus-
drucksformen seien, anders als ein Kopftuch, von ihrer religiösen Bedeutung
ablösbar und dann allgemein akzeptabel. Sie symbolisierten einfach den
geschichtlich geformten Raum, in dem ein beliebiger Bürger dieses Lands
lebe. Kruzifixe in der Amtsstube und an der Schulwand, Kreuze an Halsketten
von Lehrkräften, vielleicht sogar Nonnen im Habit gehörten ebenso zu einer
abendländischen Gesellschaft wie der Feiertagskalender, der ja auch christlich
geprägt sei.
Das Argument provoziert zwei Erwiderungen. Erstens, es nimmt nicht
ernst, was christlich geprägte Kleidungsstücke und Symbole für viele ihrer
Träger bedeuten. Es nimmt eine Art kulturwissenschaftlicher Außenpers-
pektive zu ihnen ein. Nur aus dieser Perspektive kann ihr religiöser Gehalt so
in den Hintergrund treten, wie für das Argument erforderlich. Aber eine
Nonne verbindet mit ihrem Habit ebenso eine religiöse Überzeugung wie eine
Muslimin mit ihrem Kopftuch. Beiden bedeuten die Kleidungstücke, die sie
tragen, jeweils mehr und anderes, als dass sie für wenig trennscharfe kul-
turelle Herkünfte (Ich Abendländerin, Du Morgenländerin) stünden. Und ihre
je spezifische Bedeutung macht sie gleichermaßen exklusiv: Das Kreuz wird
einer Muslimin zu recht so christlich vorkommen wie einer Nonne das
Kopftuch muslimisch. So ist es schließlich von der jeweils anderen auch
gemeint.
Entweder also, man beraubt die fraglichen Symbole oder Ausdrucks-
formen ihres ganzen religiösen Gehalts. Dann ist nicht erfindlich, wozu wir
sie überhaupt noch brauchen. Warum das Kreuz und nicht die deutsche Fah-
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik