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ELISABETH HOLZLEITHNER
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verachtenden Kultur erscheint, wird auch das Kopftuch als sichtbarer Aus-
druck eines umfassenden Systems in diesem Fall religiös fundierter Misogy-
nie angesehen. Durch dessen Vordringen scheint vieles von dem bedroht, was
an feministischen Errungenschaften in den vergangenen Jahrzehnten hart er-
kämpft worden ist. Feministische Interventionen dagegen finden sich nun
auch in Buchpublikationen von Vertreterinnen der zweiten oder dritten Gene-
ration von Migrantinnen, die den Anspruch artikulieren, von innen heraus die
Wahrheit über die als äußerst problematisch geschilderten Verhältnisse in
Gemeinschaften etwa türkischer Provenienz zu erzählen (Ateş 2003; Kelek
2005; dazu kritisch Beck-Gernsheim 2007: 76 ff) oder gar die Wahrheit über
den Islam an sich aufzudecken (Hirsi Ali 2004).
Dabei ergeben sich – auch diesbezüglich lassen sich Parallelen zum
Kampf gegen Pornographie erkennen – Allianzen, die zumindest nachdenk-
lich stimmen sollten: Es sind nämlich neben den genannten feministischen
Aktivistinnen, wenn auch nicht ausnahmslos, gerade konservative und natio-
nalistische Politikerinnen und Politiker, die auf den Zug der Kopftuchgeg-
nerschaft aufgesprungen sind. Dabei befleißigen sie sich einer feministischen
Rhetorik, die in ausgesprochenem Widerspruch zu ihrem sonstigen Agieren in
Fragen der Geschlechtergerechtigkeit steht. Sie hängen sich gleichsam an den
feministischen Zug, um Zündstoff für ihre gegen Einwanderung gerichtete
nationalistische Agenda zu bekommen.
Allerdings: Nur weil solche Allianzen entstehen oder weil Positionen kon-
vergieren, bedeutet das keinesfalls, dass das anvisierte Problem nicht existiert
oder nicht beachtet werden sollte. Andernfalls käme es zu einer von manchen
bereits diagnostizierten Paralyse feministischer Theorie und Praxis mit Blick
auf die Situation von Frauen in religiös-kulturellen Gruppen (Phillips 2007: 1).
Problematische Praktiken (auch) in minorisierten Kulturen und Religionen wahr-
zunehmen und dagegen vorzugehen, ist nicht per se fremdenfeindlich, islamo-
phob oder rassistisch. Allerdings muss man vorsichtig sein hinsichtlich der Art,
wie Probleme dargestellt und Diskussionen geführt werden, ebenso wie nicht ig-
noriert werden kann, welchen Positionen bestimmte Argumente und Strate-
gien letztlich politisch in die Hände spielen.
Das gilt nicht nur für die Kopftuchdebatte, sondern für das gesamte Dis-
kursfeld, das als Spannungsverhältnis zwischen ›Feminismus‹ und ›Multikul-
turalismus‹ bekannt geworden ist und in dem es um die Frage geht, ob eine
multikulturalistische Akzeptanzpolitik auf Kosten von Frauen gehen könnte
(siehe hierzu Okin 1999 und 2005; Shachar 2007; Sauer/Strasser 2008). Denn
es besteht der Verdacht, dass unter dem Schleier der Anerkennung fremder
Kulturen Praktiken toleriert werden, welche die Möglichkeiten von Frauen,
ihr Leben selbst zu bestimmen, massiv beeinträchtigen. Die religiöse Pflicht
zum Kopftuchtragen wird in diesem Zusammenhang ebenso diskutiert wie
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik