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DER KOPFTUCHSTREIT ZWISCHEN FEMINISMUS UND MULTIKULTURALISMUS
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Zwangsverheiratung, die verstümmelnde Beschneidung weiblicher Genitalien
oder Verbrechen im Namen der Ehre.
Solche ›traditionsbedingten Gewaltpraktiken‹ haben in den letzten Jahren
in vielen westlichen Staaten, auf der Ebene der EU3 sowie im Europarat
einige Aufmerksamkeit erfahren und verschiedene Initiativen erlebt. Staat-
liche Verbote, etwa in Schulen, das Kopftuch zu tragen, sollen nicht nur, wie
im Fall Frankreichs, das Prinzip des Laizismus realisieren, sondern auch jun-
ge Mädchen davor bewahren, von ihrem Umfeld zum Kopftuchtragen ge-
zwungen zu werden (Badinter 2002: 143 f). Neue Gesetze sollen junge Frauen
vor Zwangsverheiratung schützen, z.B. indem das Alter für die Ehepartnerin
bzw. den Ehepartner bei der Familienzusammenführung angehoben wird (z.B.
auf 24 Jahre in Dänemark; siehe hierzu Bredal 2005: 343), oder indem ge-
setzlich klargestellt wird, dass es sich im Fall des Zwangs zur Eheschließung
um eine schwere Nötigung und damit um ein strafrechtlich zu verfolgendes
Verbrechen handelt (so geschehen in Österreich; siehe hierzu Beclin o.J.).
Aus der Perspektive der davon Betroffenen und der in diesen Feldern
tätigen Aktivistinnen und Aktivisten handelt es sich bei solchen ›top down-
Initiativen‹ um einen zweifelhaften Segen. Einerseits ist es unzulässig, die
Augen vor Praktiken zu verschließen, welche Frauen in ihrer Freiheit beein-
trächtigen, ihre Gesundheit schädigen oder sie in anderer Weise benachtei-
ligen. Das bedeutet, dass auch die ›große Politik‹ aufgerufen ist, ihren Beitrag
zu leisten (siehe auch John und Berghahn/Rostock/Bendkowski diesem
Band). Andererseits spielt es, wie gesagt, eine große Rolle, wie die einschlä-
gigen Debatten geführt, welche Lösungsvorschläge eingebracht und dann
auch realisiert werden, wenn man beurteilen will, wem die Thematisierung
von traditionsbasierter Gewalt gegen und Benachteiligung von Frauen tat-
sächlich nützt. Werden die Auseinandersetzungen so geführt, dass einzelne,
bisweilen große Gruppen pauschal abqualifiziert, als frauenfeindlich und in-
tegrationsunwillig ins Eck gestellt werden, dann kann man annehmen, dass
auch die Frauen, die doch eigentlich von solchen Aktivitäten profitieren soll-
ten, davon negativ betroffen sind.
Dies ist der politische Kontext der Debatten zwischen ›Feminismus‹ und
›Multikulturalismus‹. Dabei stehen einander nicht einfach zwei Strömungen
gegenüber. Vielmehr sind die feministischen ebenso wie die multikulturalis-
tischen Positionen durch große interne Differenzen charakterisiert. Viele Fe-
ministinnen können etwa mit dem apodiktischen Radikalismus Schwarzers
gar nichts anfangen. Die folgende Skizze steht im Zeichen des Versuchs, aus
3 Siehe hierzu die »Joint Action of Member States against Harmful Traditional
Practices«, Brüssel, Wien, 25.01.2006, abrufbar auf der Seite der öster-
reichischen Bundesministerin für Gesundheit und Frauen: http://www.frauen.
bka.gv.at/ DocView.axd?CobId=20260, 10.07.2008.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik