Page - 345 - in Der Stoff, aus dem Konflikte sind - Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
Image of the Page - 345 -
Text of the Page - 345 -
DER KOPFTUCHSTREIT ZWISCHEN FEMINISMUS UND MULTIKULTURALISMUS
345
festgelegt und ihre Probleme im Gegenzug für privat und daher für im We-
sentlichen irrelevant erklärten würden.
Der ›Multikulturalismus‹ schien vielen eine interessante Alternative dar-
zustellen. Er richtet sich gegen die Ignoranz des ›Liberalismus‹ gegenüber der
Bedeutung kulturell-religiöser Identitäten und stellt sich als theoretisches
Bollwerk gegen Unterdrückung und Benachteiligung auf Grund ethnischer
Herkunft und Zugehörigkeit oder religiöser Überzeugungen dar. Damit sind
selbstredend auch Frauen als Angehörige von solchen Minderheiten erfasst.
›Feminismus‹ und ›Multikulturalismus‹ haben somit eine gemeinsame Geg-
nerin, nämlich eine – in den Worten von Nancy Fraser – »kulturimperialis-
tische Form des öffentlichen Lebens, die den heterosexuellen, weißen, euro-
päischstämmigen Mann der Mittelklasse als die menschliche Norm behandelt,
im Vergleich zu der alle anderen als abweichend erscheinen« (Fraser 2001:
268). Sympathisch sind aus feministischer Perspektive nicht zuletzt Bemü-
hungen von prominenten multikulturalistischen Autoren wie Will Kymlicka,
die sicherstellen wollen, dass ihre Ansätze sensibel auch für Benachteili-
gungen aus Gründen wie dem Geschlecht oder der sexuellen Orientierung
sind (Kymlicka 1995: 19), dass also der ›Multikulturalismus‹ gerade nicht da-
rauf hinauslaufen soll, Unterdrückung von Frauen, Lesben oder Schwulen im
Namen der jeweiligen Kultur zuzulassen.5
Susan Moller Okin wollte sich mit solchen Zusicherungen aus dem Lager
des ›liberalen Multikulturalismus‹ nicht zufrieden geben; dessen eher kommu-
nitaristisch ausgerichtete starke Version hatte solche Versprechungen ohnehin
nie gegeben.6 In ihrem provokanten, reichlich holzschnittartig argumentie-
renden Essay »Is Multiculturalism Bad For Women?« (1999)7 stellt sie die
reine Weste des ›Multikulturalismus‹ mit Blick auf die Situation von Frauen
und internen Minderheiten von religiös-kulturellen Gruppen ganz massiv in
Frage: Der ›Multikulturalismus‹ richte seine Aufmerksamkeit zu einseitig auf
Fragen der Unterdrückung auf Grund religiös-kultureller Identitäten und
übersehe darüber, dass die Interessen von Angehörigen religiöser, kultureller
5 Damit unterscheidet sich Kymlicka von einigen Autorinnen bzw. Autoren, deren
Priorität nicht darin besteht, solche Ungleichheiten nachrangig zu behandeln. Zu
ihnen kann man Charles Taylor (1993) ebenso zählen wie Bhikhu Parekh
(2000). Aber auch diese Autoren ziehen Grenzen der Anerkennung kulturell-re-
ligiöser Besonderheiten ein. Daher ist Frasers apodiktische Kritik, der ›plura-
listische Multikulturalismus‹ (Fraser bezieht sich auf keine bestimmte Autorin/
auf keinen bestimmten Autor, nennt aber in einer Fußnote Taylor) sei »nicht in
der Lage […] politisch über bessere und schlechtere Identitäten oder Differen-
zen zu urteilen« (Fraser 2001: 271), überzogen.
6 Zur Kontrastierung von ›starkem‹ und ›schwachem‹ Multikulturalismus siehe
Holzleithner 2004.
7 Okin publizierte diesen Text ursprünglich in der ›Boston Review‹; kurze Zeit
später erschien er in Buchform zusammen mit einem guten Dutzend teils zu-
stimmender, teils Okin scharf kritisierender Kommentare; siehe Okin 1999.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik