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DER KOPFTUCHSTREIT ZWISCHEN FEMINISMUS UND MULTIKULTURALISMUS
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sondern Frauen diskriminieren und verletzen. Emanzipation von Frauen
bedeutet daher üblicherweise eine Veränderung der Kultur. Wenn es dem
›Multikulturalismus‹ darum geht, kulturellen Artenschutz zu betreiben, dann
stehen die beiden Theorierichtungen tatsächlich in diametralem Gegensatz zu-
einander. Eine multikulturalistische Politik der Anerkennung religiöser und
kultureller Gruppen erweist sich dann jedenfalls als indirekte Anerkennung
der Einschränkung der Lebensmöglichkeiten von Frauen.9
Allerdings ist das nicht Saharsos Position. Sie ist vielmehr – am Beispiel
der Problematik der Beschneidung weiblicher Genitalien (›Female Genital
Cutting‹ (FGC)) – auf der Suche nach einem multikulturellen Feminismus,
der zunächst möglichst unvoreingenommen versucht, fremde und problema-
tische Praktiken zu verstehen, um so auf brauchbare Ansatzpunkte zu kom-
men, um frauenverletzende Verhaltensweisen adäquat zu identifizieren und
sie in der Folge abzuschaffen oder sie so zu verändern, dass sie möglichst
wenig Schaden anrichten. Nur wenn man die sozialen Bedingungen kennt, die
eine Praxis als rational, richtig oder legitim erscheinen lassen, wird es auch
möglich sein, entsprechend darauf zu reagieren und Veränderungen anzu-
stoßen. Der Weg dazu wird kaum je sein, eine Praxis schlicht als sexistisch
und schädigend »zu deklarieren und mit einem Verbot zu belegen« (ebd.: 25).
Dem ist freilich entgegenzuhalten, dass Verbote durchaus dazu beitragen kön-
nen, eine problematische Praxis wirkungsvoll zu ächten.
Bedingungen von Autonomie entlang
multikulturalistischer Fragestellungen
Ansätze wie jene, die Saharso vorschlägt und die feministische Ansprüche mit
Sensibilität für und Respekt vor Religion und Kultur verbinden, beachten
zumindest implizit ein Prinzip, das sie explizit häufig kritisieren: nämlich das
Prinzip der ›Autonomie‹.10 Wenn die Rede ist vom Respekt vor der anderen
Person, dann bedeutet das, sie als Subjekt anzuerkennen und nicht bloß als
Objekt fremder Zumutungen, seien diese nun traditionalistischer oder emanzi-
9 Ausgangspunkt für eine solche Kritik ist die Annahme, dass die religiös-
kulturellen Gruppen, die von einer Politik multikulturalistischer Anerkennung
profitieren sollen oder typischerweise davon profitieren, patriarchaler sind als die
umgebende Mainstreamkultur. Tatsächlich existiert nur dann eine solche Proble-
matik. Das muss allerdings nicht bedeuten, dass der Blick sich eurozentrisch auf die
ethnisierten Anderen richtet. Multikulturalistische Anerkennungspolitik kommt
gleichermaßen den Angehörigen etwa von Mehrheitsreligionen zugute. Insofern ist
es wichtig, den Blick dafür zu öffnen, dass die Anerkennung religiös-kultureller
Gruppen kein exotisches Phänomen, sondern in der westlichen Gesellschaft ver-
traut und verbreitet ist, wie etwa die besondere Stellung der christlichen Kirchen
zeigt; siehe dazu Holzleithner 2008a.
10 Saharso selbst will ›Autonomie‹ und ›Kultur‹ miteinander vermitteln; siehe z.B.
Saharso 2000.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik