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DER KOPFTUCHSTREIT ZWISCHEN FEMINISMUS UND MULTIKULTURALISMUS
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Adäquater Bereich von Lebensmöglichkeiten
Was bedeutet die Vorgabe, dass jede Person einen adäquaten Bereich von
Lebensmöglichkeiten zur Verfügung haben soll, der ihr ermöglicht, die eige-
nen Bedürfnisse, Interessen und Wünsche zu realisieren? Ich möchte meine
Überlegungen auf den Kontext westlicher Gesellschaften einschränken, die
von ihrem Selbstverständnis her pluralistisch sind und die den Anspruch an
den Tag legen, den in ihnen lebenden Menschen ein möglichst breites Spek-
trum an Optionen zur Verfügung zu stellen.12 Aber wie pluralistisch ist diese
Gesellschaft wirklich? Wir haben es jedenfalls mit einem politisch-sozialen
Mainstream zu tun, von dem ein erheblicher Sog ausgeht (Spinner-Halev
2005: 162); er ist gewissermaßen die mit normativen Vorgaben getränkte Ge-
sellschaft, innerhalb derer sich diverse Gemeinschaften befinden.
Lebensmöglichkeiten sind im Mainstream ebenso zu finden wie in reli-
giös-kulturellen Gruppen, die sich davon eher abzugrenzen bemüht sind. Mit
der Zugehörigkeit zu solchen Communities verbindet sich Identifikation, die
Bildung und Pflege eines Selbst im Zusammenwirken mit anderen: solchen,
die von einem Wir umfasst sind und solchen, von denen man sich abgrenzt,
was ebenfalls Teil der Konstitution eines Ich und eines Wir darstellt. Das gilt
für ›Punks‹ genauso wie für verschiedene religiöse Gemeinschaften. Das be-
deutet: Gesellschaften und Kulturen stellen genau jene Optionen zur Ver-
fügung, die Gegenstand autonomer Lebensentwürfe sein können (Kymlicka
1995: 83). Damit ergibt sich auch, dass ›Kultur‹ und ›Autonomie‹ nicht im
prinzipiellen Gegensatz zueinander stehen. Allerdings sind Kulturen und kul-
turelle Praktiken unterschiedlich autonomiefreundlich.
Die Lebensmöglichkeiten reichen von den kleinen Dingen, etwa der Frage
nach der Auswahl zwischen verschiedenen Getränken, um den Durst zu
stillen (unter der Voraussetzung, dass es überhaupt genug zu trinken gibt)
oder zwischen einem grünen Pullover und einem grauen T-Shirt bis hin zu
den großen Lebensentscheidungen: Dazu gehört die Möglichkeit, aus religiö-
sen Motiven ein Kopftuch oder eine andere Bedeckung zu tragen ebenso wie
die Möglichkeit, ohne Bedeckung in die Öffentlichkeit zu gehen. Dass diese
Optionen existieren und von ihnen real Gebrauch gemacht wird, zeigen die
vielfältigen Bedeckungspraktiken z. B. von islamischen Frauen, jüdischen
Männern oder männlichen Sikhs, die dafür ebenso Zuspruch wie – viel zu
häufig – gehässige Anfeindungen erfahren.
Die bestehenden Lebensmöglichkeiten existieren nun nicht einfach natur-
wüchsig, sondern sie werden von der Gesellschaft und den in ihr lebenden
Menschen erzeugt, vorgegeben, ermöglicht, erleichtert oder erschwert. Dar-
12 Dass dies eine ausgesprochen kapitalistische Schlagseite hat, wird hier nicht ver-
kannt.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik