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ELISABETH HOLZLEITHNER
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Freilich darf man eine solche Beobachtung nicht isoliert machen. Auch die
gesamte ›westliche Kultur‹ ist durchzogen von kulturellen Insignien der Ge-
schlechterdifferenz, mit deren Hilfe kleine Kinder schon von Beginn an als
männlich oder weiblich markiert werden. Männliche und weibliche Beklei-
dungspraxen unterscheiden sich ganz erheblich voneinander und interagieren
auch mit dem jeweiligen Körpergefühl.19 Und während über den »Porno-
Chic« (Duits/van Zoonen 2006) heute schon junge Mädchen dazu gebracht
werden (sollen), sich sexy zu fühlen und entsprechend auszusehen, werden
manche muslimische Mädchen gleichsam in der Negation der Darstellung von
Sexualität sexualisiert: indem der unverschleierte Körper als sexuell zu auf-
reizend angesehen wird, um ihn zur Schau zu tragen.
Als bemerkenswert ist herauszustreichen, dass die Problematik der Sexu-
alisierung nur mit Blick auf weibliche Körper diskutiert wird. An Jungen und
Männern mag im Alltagsdiskurs einiges ausgesetzt werden (der Schritt der
Hose zu tief, die Kleidung zu nachlässig oder zu martialisch) – die Eignung
der Kleidung, sexuell zu stimulieren, ist kein Thema. Jungen und Männer
kommen nur als diejenigen in den Blick, die sich potenziell aufreizen lassen
und von daher zu einer Gefahr für die sexuelle Integrität von Mädchen und
Frauen werden. Ist es Gewalt, wenn Mädchen und Frauen vor dem Hinter-
grund solcher Befürchtungen dazu genötigt werden, sich ›anständig‹ zu klei-
den und wenn diese ›anständige‹ Kleidung das Kopftuch beinhaltet? Oder ist
es umgekehrt Gewalt, wenn ein Verbot des Kopftuchtragens ausgesprochen
wird?
Es gibt auf solche Fragen keine einfache Antwort. Es kommt immer auf
die Umstände an: darauf, wer wen aus welchem Grund zu welchem Verhalten
zwingen will. Beginnen wir mit einem relativ einfachen Fall: Eine Frau vor
die Wahl zwischen Kopftuch oder Berufsausübung zu stellen ist jedenfalls ein
illegitimer Eingriff in ihre Autonomie, denn es schränkt ihre Optionen in
unzulässiger Weise ein. Besonders perfide ist das in diesem Zusammenhang
oft gebrauchte Argument, eine Frau würde bei der Berufsausübung durch das
Tragen des Kopftuchs ihre Unterdrückung zur Schau stellen. Damit wird
behauptet, es könne keine relativ von Zwang freie Entscheidung zum Kopftuch
geben: Es wird die Autonomiekeule geschwungen und Autonomie abge-
sprochen. Hier handelt es sich um eine Form symbolischer Gewaltausübung,
welche das Subjekt ›Kopftuch tragende Frau‹ selektiv konstruiert, sie potenziell
zum Schweigen bringt und ihrer Chancen beraubt (siehe auch Barskanmaz in
diesem Band).
Kniffliger erscheint die Problematik, wenn Mädchen zum Kopftuchtragen
gezwungen werden. Die Vorsitzende des Zentralrats für Ex-Muslime, Mina
19 Siehe dazu die Studie von Cordula Bachmann (2008), die bei der Frage Was
ziehe ich an? Ansetzt. Im Sample der von der Autorin beobachteten Personen ist
leider keine Kopftuch tragende Frau enthalten.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik