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CENGIZ BARSKANMAZ
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soll diskursanalytisch der Frage nachgegangen werden, welches soziokul-
turelle Bild vom Islam und spezifisch vom Kopftuch im deutschen Rechts-
diskurs von wem wie vermittelt wird. Anders gesagt: Wie wird das islamische
Kopftuch argumentativ konstruiert und durch das Recht und die Rechtspolitik
diskursiv hergestellt? Dabei liegt der Fokus auf dem ›Kopftuchurteil‹ des
BVerfG und den diesbezüglichen juristischen Kommentaren. Frühere und
nachfolgende Gerichtsentscheidungen zum Kopftuch werden ebenfalls heran-
gezogen, um mögliche Argumentationsverschiebungen verfolgen zu können.
Darüber hinaus werden auch die seit dem ›Kopftuchurteil‹ verabschiedeten
Landesgesetze exemplarisch einer postkolonialen Leseart unterzogen.
Der Beitrag argumentiert, dass das Kopftuch einem westlichen kulturhe-
gemonialen Vorverständnis unterliegt, dessen Konstruktionen von Islam und
Kopftuch auf einer orientalistischen Kolonialtradition aufbauen: Mit dem
›Kopftuchurteil‹ des BVerfG fanden kolonialistisch geprägte Bilder endgültig
Eingang in den juristischen Diskurs und wurden mit den nachfolgenden Lan-
desgesetzen auch positivrechtlich verankert. Damit führt der Rechtsdiskurs zu
einer Hierarchisierung der Diskursteilnehmer und -teilnehmerinnen, bei der
sich die Kopftuch tragende Muslimin zwar artikuliert, aber nicht gehört und
so marginalisiert wird. Daher kann der deutsche Kopftuchdiskurs ohne den
historisch-analytischen Bezug auf koloniale Herrschaftsverhältnisse, orientali-
stische Denkmuster und den hiesigen neorassistischen Antiislamdiskurs nicht
angemessen analysiert werden.
Postkolonialismus – Orientalismus –
kultureller Rassismus
Postkoloniale Theorie
Als eine relativ junge Theoriebewegung stellt die ›Postkoloniale Theorie‹ eine
Kritik am allgemeinen und spezifischen postkolonialen Gesellschaftszustand
dar. Sie nimmt dabei – in Abgrenzung zu früheren Formen von ›Imperialis-
mus‹ – den europäischen Kolonialismus und Imperialismus als Anknüpfungs-
punkt und verweist mit dem Präfix ›post‹ (lat. nach) auf die der modernen
Kolonialzeit nachfolgenden gesellschaftlichen Strukturen und Phänomene.
Kennzeichnend für die ›Postkoloniale Theorie‹ ist ihr Bruch mit objektiv-neu-
tralen und universalen wissenschaftlich-politischen Positionen. Mit (post)mar-
xistischen, poststrukturalistischen und feministischen Ansätzen fordert die
›Postkoloniale Theorie‹ den Kolonialismus sowie sein wirtschaftliches und
kulturelles Vermächtnis kritisch heraus und stellt einen engagierten Versuch
dar den marginalisierten postkolonialen Subjekten eine Stimme zu verleihen.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik