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DAS KOPFTUCH ALS DAS ANDERE
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Dabei wird der Kolonialismus in seiner historischen und politischen Ein-
ordnung, Definition und Wirkung nach zwei interdependenten Deutungsebe-
nen unterschieden. Zum einen stellt ›Kolonialismus‹ die gewaltsame Inan-
spruchnahme und Kontrolle von Territorien und Völkern dar, deren materielle
Ausbeutung die konstitutive Bedingung der westlichen kapitalistischen Ent-
wicklung ausmachte (Loomba 1998: 23). Diese Materialität wird zum anderen
von einer diskursiven Formation der kolonialisierten und kolonialisierenden
Subjekte und Kulturen begleitet. Es sind vor allem diese Kulturalisie-
rungsprozesse, die dem Kolonialismus die Funktion eines hegemonialen Re-
präsentationssystems zukommen lassen. Diese gewaltvolle Wissensproduk-
tion (›epistemic violence‹) ist durch eine asymmetrische Dichotomisierung
gekennzeichnet, mit der ein überlegenes europäisches Selbst und ein unter-
geordnetes Anderes geschlechtlich, rassisch, kulturell und ökonomisch festge-
schrieben werden. Diese Hierarchisierung stellt ein wichtiges Element euro-
päischer und weißer Identitätsbildung dar; es ist die Konstruktion eines
aufgeklärten, zivilisierten, männlichen und weißen Subjekts, an dem das ob-
jektivierte Andere abwertend gemessen wird, weshalb Stuart Hall diesen
Prozess im Gegensatzpaar »the West and the Rest« (Hall 1996: 184) prägend
zusammenfasst. Dabei findet eine Repräsentation des kolonialisierten Sub-
jekts sowohl im Sinne diskursiver Darstellung als auch politischer Vertretung
statt (Spivak 1988: 275 ff). Die Definitionsmacht in diesem diskursiven Zu-
schreibungsprozess liegt beim Westen. In diesem Sinne verweist ›postkolo-
nial‹ auf die sozial-historische Dimension der gegenwärtigen lokalen und
globalen Verfasstheit, in der eine Kontinuität kolonialer Denkmuster und
Praktiken erkennbar ist. Dabei ist die Kolonialisierung als dynamisch und
dialektisch zu betrachten: Nicht nur kolonialisierte, sondern auch die kolo-
nialisierenden Kulturen werden diskursiv hergestellt. Die westlichen Gesell-
schaften sind dabei sowohl Ausgangs- als auch Eingangsorte von Kolonial-
diskursen (Ha 2003: 63). ›Postkolonialismus‹ ist in diesem Sinne ein »Kolo-
nialismus ohne Kolonien« (Ha 2005: 107).
Orientalismus
Als wegweisend für die postkoloniale Theoriebildung gilt Edward W. Saids
Buch »Orientalism« (1979). In seiner literaturwissenschaftlichen Studie geht
Said der Frage nach, wie westliche Diskurse und Institutionen Wissen über
den Orient produzieren. Saids Hauptthese lautet, dass sich im ›Orientalismus‹
der Okzident gegensätzlich zum Orient konstruiert und dieser Diskurs der Le-
gitimierung der Kolonialherrschaft dient (Said 1979: 2 ff). ›Orientalismus‹, so
Said, ist eine Art des Denkens, die sich auf eine ontologische und epistemo-
logische Differenz zwischen Okzident und Orient stützt. ›Orientalismus‹ ist
ein Wissenssystem über den Orient, in dem das Andere als archaisch, rück-
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik