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CENGIZ BARSKANMAZ
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ständig, exotisch, barbarisch und feminin gebrandmarkt wird, während dem
Selbst die Attribute modern, fortschrittlich, rational, säkular, demokratisch
und männlich zu Gute kommen. Der ›Orientalismus‹, d.h. die Orientalisierung
des Orients, führt zu einer Homogenisierung und Essentialisierung des
Orients als einer Kultur; Gegebenheiten, die nicht ins Bild passen, werden
ausgeblendet (ebd.).
In Anlehnung an Michel Foucaults Diskursbegriff beschreibt Said den
›modernen‹ Orientalismus als einen Kolonialdiskurs: Im Gegensatz zu frühen
orientalischen Erzählungen ist er nicht mehr eine reine Phantasie des Okzidents,
sondern eine funktionierende historische Gestalt aus Theorie und Praxis, wis-
senschaftlicher Disziplin einerseits und Kolonialpraxis andererseits. Anders for-
muliert war und ist die westliche Wissensproduktion nicht von imperialen
Herrschaftsprojekten zu trennen. Im orientalistischen Repräsentationssystem
spricht der Okzident im Namen des Orients. Er repräsentiert den Orient und
bringt die orientalischen Subjekte beherrschend zum Schweigen. Die Projektion
des Islams erhält im Orientalismus eine spezifische diskursive Formation (Said
1994: 331). Der Islam wird als ein monolithisches Gebilde konstruiert und der
europäischen Moderne als unterlegen entgegengesetzt. Hier vollzieht sich die
Transformation vom traditionellen Feindbild Islam zum ›neuzeitlichen‹
Orientalismus, die gewisse Parallelen zur Verschiebung vom mittelalterlichen
(religiösen) Antijudaismus zum (kulturellen, rassifizierten) Antisemitismus
aufzeigt (Attia 2007: 16).
Deutschland postkolonial?
Sowohl der ›Postkolonialismus‹ als auch der ›Orientalismus‹ setzen grund-
sätzlich eine koloniale Praxis voraus. Einer Übertragung der postkolonialen
Analyse auf den deutschen Kontext und, damit einhergehend, der Frage nach
einem spezifischen deutschen Orientalismus ist daher nicht selten mit Skepsis
begegnet worden. Ablehnend wird argumentiert, dass das Deutsche Kaiser-
reich im Unterschied zu Großbritannien (›the British Empire‹) und Frankreich
(›l'Empire colonial français‹) geopolitisch und historisch keineswegs eine Ko-
lonialgroßmacht darstellte und dem deutschen Orientalismus ein geringer Ein-
fluss zukomme.
Jedoch zeigen jüngere Forschungen, dass Kolonialdiskurse im Kaiserreich
keineswegs als Randerscheinungen zu betrachten sind (Arndt 2001; Becker
2004; El-Tayeb 2001; Ha 2003; Oguntoye et al. 1992). Deutsche Kolonialdis-
kurse waren wesentlich durch biologistisch fundierte Vorstellungen von ›ras-
sischer‹ bzw. ›völkischer‹ Überlegenheit gekennzeichnet. Der Gegenstand der
deutschen ›Postkolonialen Theorie‹ umfasst damit zumindest die Tradierung
des biologistischen bzw. ›völkischen‹ Rassismus.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik