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DAS KOPFTUCH ALS DAS ANDERE
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Hinsichtlich des ›Orientalismus‹ lässt sich zunächst feststellen, dass der
deutschsprachige Raum im 19. Jahrhundert kulturell und intellektuell einen
geopolitischen Ort darstellte, der eine der Hauptzentren sorgfältiger Orien-
talistik und orientalischer Erzählungen war (Castro Varela/Dhawan 2007:
31 f; Berman 2007; Mangold 2004; Schulze 2007). Immanuel Kant, Georg
Wilhelm Friedrich Hegel und Max Weber werden zutreffend als Beispiele für
westlich-autoritative Erzählungen genannt, deren Werken der Gedanke der
Fortschrittlichkeit und kulturellen sowie rassischen Überlegenheit europäi-
scher Zivilisation zu Grunde liegt (Farr 2005; Piesche 2005; Rommelspacher
2002: 102 f). Der deutsche Orientalismus war jedoch nicht unmittelbar mit
imperialen und kolonialen Projekten verbunden. Trotz geopolitischen Macht-
politiken und Interessen gab es im deutschen Fall keine kolonialherrschaft-
liche Beziehung (Berman 2007). Dieser ›nicht-koloniale‹ Orientalismus zeigt
sich am deutlichsten bei der Repräsentation des Osmanischen Reichs, in der
sogar ein gewisses Ansehen für die osmanische Kultur keineswegs Ausnahme
war (ebd.: 75 ff).
Gerade am Beispiel des Said’schen (›kolonialen‹) Orientalismus wird aber
deutlich, wie Kolonialdiskurse im Sinne Foucaults universales Wissen und
Wahrheit produzieren und beanspruchen. ›Orientalismus‹ ist Teil eines euro-
päischen imperialen Denksystems (Schulze 2007: 49 ff). Folglich sind nicht
nur die früheren Kolonialmächte und kolonialisierten Staaten, sondern auch
Gesellschaften, die keine Kolonialvergangenheit aufweisen, wie etwa Öster-
reich und die Schweiz, als postkoloniale Gesellschaften zu sehen, in denen
orientalistischen und (post)kolonialen Diskursen im Alltag begegnet werden
kann. Besonders mit der Dekolonialisierung und der Nachkriegsmigration
dürften diese Diskurse das Leben vieler orientalisierter Subjekte auch mate-
riell strukturieren.
Daraus folgt, dass die deutsche ›Postkoloniale Theorie‹ – spezifisch – ne-
ben der eigenen deutschen Kolonialvergangenheit auch – allgemein – den uni-
versal wirkenden kolonialen Orientalismus zu ihrem Gegenstand hat.
Die von Said angesprochene konstruierte ontologische kulturelle Diffe-
renz zwischen dem säkularen Westen und dem irrationalen Orient ist heute
am deutlichsten im hiesigen Islamdiskurs zu beobachten, in dem die ver-
meintliche ›frauenfeindliche Essenz‹ des Islams ein wichtiges Moment dar-
stellt. Mit aktuell kursierenden Themen wie etwa Zwangsheirat, Ehrenmor-
den, Genitalverstümmelung und schließlich dem Kopftuch werden die jahr-
hundertealten Bilder über den Orient bzw. den Islam (re)aktiviert. Das Pro-
blem ist nicht, dass diese Themen angesprochen werden und die misogynen
Praxen bekämpft werden sollen. Vielmehr stellt sich die Frage, in welchen
Kontexten diese Themen durch wen und wie angesprochen werden; zu fragen
ist auch, gegen welche Bevölkerungsgruppen sie instrumentalisiert werden
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik