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CENGIZ BARSKANMAZ
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Der Westen und der Schleier:
Die (post)koloniale Konstruktion des Kopftuchs
Verschleierung als religiöse Praxis
Die Verschleierung der Frau taucht im Laufe der Geschichte in verschiedenen
Religionen, Regionen und Kulturen auf, u.a. in der griechischen Antike, im
preislamischen Iran und in Byzanz (Hoodfar 1997: 418). Heute wird die
Verschleierungspraxis de facto verkürzt dem Islam zugeschrieben. Doch auch
die anderen monotheistischen Religionen kennen noch in modifizierter Form
und Intensität die Verschleierung: Kopftuch, Haarnetz und Perücke für die
verheiratete Frau im orthodoxen Judentum sowie katholische Ordenskleidung
und sittsame Kleidungen bei Kirchgängen oder Papstaudienzen gehören zum
religiösen Alltag. Zur Legitimierung des Kopftuchs im Islam werden häufig
die Koransuren ›An-Nur‹ Vers 31 und ›Al-Ahzáb‹ Vers 59, sowie der prophe-
tische ›Hadith‹ als theologische Grundlagen herangezogen. Im Christentum
finden sich kanonische Vorschriften zur Verschleierung der Frau etwa im
›Ersten Brief an die Korinther‹, allerdings sind diese Gegenstand der Exegese
und daher offen für unterschiedliche – auch feministische – Interpretationen
(Ahmed 1992; Mernissi 1989).
Der aktuelle Kopftuchstreit lässt sich jedoch nicht auf eine theologische
Auslegung bzw. religionskritische Analysen reduzieren. Vielmehr mag eine
diskursanalytische Perspektive sozial-historischer Konstruiertheit des Kopf-
tuchs angemessene Antworten auf die aktuelle und dominierende Kopftuch-
debatte bieten. Dazu ist es notwendig, die Beziehung zwischen dem Westen
und dem Kopftuch historisch zu re- und dekonstruieren. Es stellt sich hier die
Frage, vor welchem weltpolitischen Hintergrund der Westen der Verschleie-
rung begegnet und wer die Verschleierungspraxen wie konstruiert. Anders
ausgedrückt: In welchem Repräsentationssystem wird die Deutungsmacht
über das Kopftuch von welchen Akteuren oder Akteurinnen wie verhandelt?
Die Frage der Definitionsmacht hat Implikationen auch für die juristische
Frage der Zulässigkeit des Kopftuchs im öffentlichen Dienst.
Der Schleier in der Kolonialpolitik
Einen Ansatzpunkt bietet das Standardwerk der postkolonialen Kritikerin
Leila Ahmed (Ahmed 1992: 145 ff; siehe auch Rommelspacher 2002: 113 ff).
Anlehnend an Saids Orientalismusanalyse zeigt Ahmed den Kolonialismus als
historischen Anknüpfungspunkt des heutigen Islamdiskurses und das Kopf-
tuch als dessen Herzstück. Ahmed zufolge bildeten frauenunterdrückende
islamische Praxen zwar immer einen Teil westlicher Erzählungen vom Islam.
Aber erst im Rahmen europäischer bzw. britischer Kolonialisierung des isla-
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik