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CENGIZ BARSKANMAZ
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ihren Beitrag zum imperialen Projekt (Lewis 1996). Dieser Prozess des
›Othering‹ findet heute noch in westlichen feministischen Diskursen statt, in
denen die ›Dritte-Welt-Frau‹ als Opfer zur Gegenkonstruktion einer emanzi-
pierten weißen westlichen Frau dient (Gutiérrez Rodríguez 2003; Mohanty
1988). Nicht zuletzt wegen der Allianz zwischen dem Kolonialherrn und der
Kolonialfrau wurde der eigene Geschlechterkonflikt teilweise nach außen ver-
lagert.
Die Widersprüchlichkeit der kolonialen Emanzipationspolitik veranschau-
licht die Haltung des britischen Diplomaten und Generalkonsuls von Ägypten,
Lord Cromer. Zentrale Forderung dieses Kolonialherrn war die notwendige
Entschleierung der orientalischen Frauen, um sie von ihren Männern zu
emanzipieren. Mit diesem feministischen Programm galt er einerseits als die
Personifizierung der zivilisatorischen Emanzipationspolitik. Der selbe Lord
Cromer bekämpfte andererseits in England die Einführung des Wahlrechts für
Frauen und gehörte zu den Gründungsmitgliedern der ›Men’s League for Op-
posing Women’s Suffrage‹ (dazu Ahmed 1992: 151 ff).
Doch eine Zwangsentschleierung wurde auch von westlich orientierten
orientalischen Führern betrieben, denn »they [were] men of the classes as-
similating to European ways and smarting under the humiliation of being
described as uncivilized because ›their‹ women are veiled, and they are
determined to eradicate the practice« (ebd.: 165). Exemplarisch hierfür stehen
der Gründer der Türkischen Republik Mustafa Kemal Atatürk sowie der Ira-
ner Reza Schah, in deren Reartikulation kolonialer Thesen die Frau – und ins-
besondere ihre staatlich angeordnete Entschleierung – zum transformatori-
schen Marker der Moderne wird. Dieser ›Staatsfeminismus‹, an dessen einem
Pol das westliche Zivilisationsprojekt und am anderen die islamische Gesell-
schaftsstruktur steht, brachte jedoch höchst widersprüchliche soziale Effekte
für die betroffenen Frauen mit sich (Göle 1995). Mit kemalistischen Refor-
men wurde zwar die rechtliche Gleichstellung der türkischen Frau vorange-
trieben und sie mit der Entschleierung sichtbar gemacht, aber gleichzeitig
wurde ein Frauentypus geschaffen, der kaum über die klassische (bürgerliche)
Frauenrolle hinausging und dessen Teilhabe am öffentlichen (politischen)
Leben nicht förderungswürdig erschien (Koyuncu Lorasdagi/Ince 2005). Das
durch Reza Schah 1935 in Iran gesetzlich eingeführte absolute Kopftuch-
verbot im öffentlichen Leben führte sogar dazu, dass Frauen, die ihr Leben
lang den Schleier trugen, ihre Wohnung nicht verlassen wollten bzw. konnten
(Amirpur 2003). Eine wahre Gleichstellung wurde weder durch die koloniale
noch durch die westlich orientierte eigene Emanzipation von oben erreicht
oder auch nur beabsichtigt. Vielmehr bezog sich der Kampf um den Schleier
auf die Machtbeziehung zwischen dem Westen bzw. westlich orientierten
Führern und der islamischen Werteordnung.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik