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DAS KOPFTUCH ALS DAS ANDERE
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Als Symbol einer vergeschlechtlichten und sexualisierten Kolonialordnung
übt der Schleier eine besondere Faszination aus. Mit einem Foucaultschen
Ansatz beschreibt Meyda Yeğenoğlu die koloniale Fixierung und Faszination
bezüglich des Schleiers zutreffend wie folgt:
»The unveiling of the Oriental woman thus ensures a ›panoptic‹ position for the
colonial subject […]. Unveiling guarantees that the Muslim woman’s body becomes
knowable, mainly […] because within the modernist tradition knowing means ren-
dering the object observable, visible, and thereby manipulable« (Yeğenoğlu 1998:
111).
Dies weist auf ein weiteres zentrales Moment des gendered Kolonialismus
hin, in dem die Bedeutung und die Wirkungsmächtigkeit von Sexualität nicht
zu unterschätzen sind. In der Sexualität kommen die Geschlechterhierarchien
und die koloniale Eroberung symbolisch und gewaltvoll zum Vorschein. Der
Kolonialismus erwies sich sogar als sexuelles Experimentierfeld, in dem der
Kolonialherr seinen rigiden Sexualitätshorizont auf Grund der sozialen Un-
gleichheiten erweitern konnte (Castro Varela/Dhawan 2004: 76). Vor allem
während der Kolonialisierung des afrikanischen Kontinents wurde die kolo-
nialisierte Frau auf ihre sexuelle Verfügbarkeit reduziert. Der weiße Kolonial-
herr sah es als sein Recht an, die kolonialisierten und versklavten Frauen zu
vergewaltigen (Arndt 2001: 19 f).
Im Falle des Orients stand dagegen der Schleier zwischen dem Kolo-
nialherrn und dem weiblichen orientalischen Körper. Der Schleier entzog
somit die begehrte muslimische Frau dem Zugriff des weißen Manns. Als
Folge dieser orientalischen Barriere verdichteten sich hier vier Momente:
Fixierung, Faszination, Fantasie und Frustration. Der islamische Raum wurde
somit für die Europäer ein Ort verbotener sexueller Handlungen, der sich in
den Bildern von Harem und Schleier (und damit einem Ort der Faszination)
manifestierte (McClintock 1995). Dabei steht der Orient in einer Tradition
exotischer und erotischer Fantasien, in denen der sexualisierten muslimischen
Frau die Rolle des passiven und willigen Objekts zukommt. Wegen des
Schleiers jedoch ließen sich diese Fantasien nicht realisieren, sondern wurden
frustriert. Fanon schreibt dem frustrierten weißen Mann, der den Schleier der
algerischen Frau zerreißen möchte, eine Vergewaltigungsfantasie zu (Fanon
1969: 45). In diesem Sinne ist die Zwangsentschleierung als die Beseitigung
männlicher Penetrationshemmnisse zu deuten (Braun/Mathes 2007; Lewis
1996; Yeğenoğlu 1998). Durch Fixierung, Faszination, Fantasie und Frustra-
tion entsteht hier der ›Schleierkomplex‹ des bürgerlichen Europäers. Die
Haltung der von Minderwertigkeitsgefühlen gegenüber der emanzipierten
westlichen Welt geplagten intellektuellen und politischen Elite im orientali-
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik