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DAS KOPFTUCH ALS DAS ANDERE
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von Christian Hillgruber die ›angespannte‹ gesellschaftliche Vielfalt nach
dem Muster von Huntingtons »Clash of Civilizations« (1993) mit der Be-
drohung auf der Seite des Islams konstruiert, welche sich konkret im Bild der
muslimischen Frau mit Kopftuch als Gefahr für den »deutschen Kulturstaat«
(Hillgruber 1999: 538) äußere. Dahinter steht das Konstrukt des »muslimi-
schen Kulturimports« (ebd.), der sich »in unseren säkularen, freiheitlichen de-
mokratischen Verfassungsstaat nicht einfügen lässt« (ebd.: 547). Das Säkulare
scheint bei Hillgruber jedoch relativiert zu werden, wenn er die rhetorische
Frage stellt, ob vielleicht doch »nur das Christentum den Verfassungsstaat
westlicher Prägung als Ergebnis einer jahrhundertelangen abendländischen
Kulturentwicklung zu tragen vermag« (ebd.). In dieser »neuen Bedrohungs-
lage« (Bertrams 2003: 1234) ergibt sich die Notwendigkeit, den »missio-
narischen und offensiven Islam« (Mückl 2001: 106) zur Rettung des »deut-
schen Kulturstaates« (ebd.) unter Kontrolle zu halten.
Auch die vermeintliche Unvereinbarkeit des Islams mit der ›westlichen
Werteordnung‹ und eine inhärente Konfliktträchtigkeit dieser Begegnung
werden gesetzt. So lautet die Botschaft der abweichenden Verfassungsrichter
im ›Kopftuchurteil‹ an Kulturrelativisten: »Diese Offenheit und Toleranz geht
aber nicht so weit, solchen Symbolen Eingang in den Staatsdienst zu eröffnen,
die herrschende Wertmaßstäbe herausfordern und deshalb geeignet sind,
Konflikte zu verursachen« (BVerfGE 108, 282, 333). Die deutsche Werte-
und Rechtsordnung darf, anders gewendet, nicht herausgefordert werden;
Muslimen und Musliminnen müssen Grenzen gezeigt werden. Somit schafft
hier der Kopftuchdiskurs die Gelegenheit, eine eigene homogene deutsche
Identität gegenüber dem ›archaischen Islam‹ als überlegen zu konstruieren
und zu verfestigen; die freiheitliche Verfassung und der Islam verhalten sich
in diesem Schema dichotom zueinander. Die eigene Identität soll vor der ge-
fährlichen muslimischen Frau in Schutz genommen werden.
Mit diesen kulturellen Zuschreibungen, die Musliminnen und Muslime als
Gefahr sehen, fallen tatsächliche Benachteiligungen und Diskriminierungen
durch die Mehrheitsgesellschaft (siehe oben) aus der Betrachtung heraus und
die gesellschaftlichen Dominanzverhältnisse werden pervertiert. Exempla-
risch dazu der Richter am LG Frankfurt am Main Wolfgang Bock:
»So leicht es ist, von Muslimen Berichte und Klagen über Diskriminierungen zu
hören, so schwierig mag es für engagierte, aber mit der Trennung von Religion und
Staat sowie mit den grundrechtsgeschützten Freiheiten der deutschen Rechtsordnung
wenig vertraute Muslime sein, das Scheitern von Anträgen auf Ausnahmegeneh-
migungen oder auf Einführung von islamischem Religionsunterricht zu verstehen und
nachzuvollziehen« (Bock 2007: 1256).
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik