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BIRGIT ROMMELSPACHER
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Orthodoxer Feminismus:
Frauenrechte ohne Wenn und Aber
Der Primat der Geschlechterfrage kommt etwa in der Überzeugung Schwar-
zers zum Ausdruck, dass »der Männlichkeitswahn mit seinem pathologischen
Nazismus und Fremdenhass, der zu Beginn des 21. Jahrhunderts leider nicht
nur in den orientalischen Gottesstaaten, sondern auch in westlichen Demo-
kratien grassiert, der entscheidende Faktor« (Schwarzer 2002: 19) sei. In-
sofern sieht sie in der heutigen Situation Parallelen zu 1933, als sich ebenfalls
›reine Männerbünde‹ organisierten: »Damals handelte es sich (zunächst) um
eine Minderheit, die von einer gleichgültigen oder sympathisierenden
Mehrheit toleriert wurde. Auch damals noch waren (zunächst) die Juden im
Visier – und die Frauen. Es gilt wieder SEIN Gesetz« (ebd.: 10; Hervorhe-
bungen im Original).
Halina Bendkowski (2005) schließt sich dieser Position insofern an, als
sie in Bezug auf die ›Kopftuchfrage‹ die Durchsetzung der Menschenrechte
ohne Wenn und Aber fordert (siehe auch Berghahn/Rostock/Bendkowski in
diesem Band).2 Mit ›Menschenrechten‹ meint sie allerdings nur ›Frauen-
rechte‹, denn andere Menschenrechte wie das Recht auf kulturelle Selbst-
bestimmung und Religionsfreiheit finden bei ihr keine Berücksichtigung. Das
heißt, hier wird die Frauenposition mit dem Anliegen der Menschenrechte
insgesamt identifiziert. Nur das Recht der Frauen hat Bedeutung, während die
Erwägung anderer Rechte als Verwässerung der Frauenrechte oder gar als
Billigung von Gewalt verstanden wird.
Es geht jedoch nicht nur um eine Priorisierung von Frauenrechten,
sondern in Bezug auf das Geschlechterverhältnis auch um die Durchsetzung
eines bestimmten Modells. So meint Schwarzer: »Wir haben in Deutschland
[…] einen Schulterschluss zwischen religiösen Fundamentalisten und west-
lichen Differenzialistinnen quer durch alle Lager, die beide nichts halten von
den universellen Menschenrechten« (Schwarzer 2002: 134). Mit ›westlichen
Differenzialistinnen‹ meint sie Vertreterinnen von Geschlechtermodellen, die
von unterschiedlichen Rollen von Frauen und Männer ausgehen. Solche
Modelle sind für orthodoxe Feministinnen nicht tragbar, da es ihnen gerade
darum geht, die Differenzen im Geschlechterverhältnis aufzuheben, weil diese
immer auch mit der Diskriminierung von Frauen verbunden sind. Dieser Zu-
sammenhang ist sicherlich ein Grundmerkmal des modernen westlichen
Patriarchats (wir kommen im nächsten Abschnitt darauf zurück). Insofern ver-
wundert es auch nicht, dass das muslimische Kopftuch so provoziert, weil es
in aller Öffentlichkeit ein Geschlechtermodell propagiert, das von komple-
mentären Geschlechterrollen ausgeht.
2 Sie selbst bezeichnet diese Position als »dogmatischen Feminismus« (Bend-
kowski 2005).
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik