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BIRGIT ROMMELSPACHER
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Kopftuch geführt hat (Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales
2008).
Insofern hat der hier vertretene Emanzipationsbegriff den Effekt, dass auf
seiner Grundlage eingewanderte und vor allem muslimische Frauen benach-
teiligt werden. Das widerspricht eklatant seinem politischen Anspruch, die
Gleichstellung aller Frauen anzustreben. Tatsächlich hat sich in den letzten
Jahren eine Schere zwischen einheimischen und eingewanderten Frauen auf-
getan, indem die Frauen der Mehrheitsgesellschaft aufgestiegen sind und die
unteren Ränge, die dabei frei wurden, vor allem von Migrantinnen und Men-
schen ohne Papiere eingenommen wurden. Da von dieser ›ethnischen Un-
terschichtung‹ in gleicher Weise auch die einheimischen Männer profitiert
haben, bedeutet diese Entwicklung, dass sich die Positionen im Geschlech-
terverhältnis der einheimischen Deutschen kaum verschoben haben und die
Emanzipation der deutschen Frauen viel mit ethnischer Privilegierung zu tun
hat.
Das heißt, der hier verwendete Emanzipationsbegriff wird in doppelter
Hinsicht problematisch: Zum einen stützt er die Hierarchisierung zwischen
Frauen und zum anderen befördert er durch die Ausblendung anderer Macht-
verhältnisse, wie in diesem Fall der ethnischen Hierarchie, eine Illusion von
Emanzipation, die der Frage nach der Umverteilung im Geschlechterver-
hältnis aus dem Weg geht (ausführlicher dazu Rommelspacher 2007). Für die
Frauen der Mehrheitsgesellschaft sichert er nicht nur den eigenen Aufstieg ab,
sondern entlastet auch das eigene Geschlechterverhältnis, indem die Konflikte
gewissermaßen ausgelagert werden.
Mit der Selbstverständlichkeit, mit der ein solcher Feminismus vor vorn-
herein zu wissen glaubt, was Emanzipation ist und wie sie umgesetzt werden
muss, wird er zu einem besonders anschaulichen Beispiel für den westlichen
Feminismus, der, wie die postkolonialen Analysen zeigen, schon seit Beginn
der Moderne das Verhältnis zwischen den westlichen Frauen und denen der
übrigen Welt bestimmt hat (siehe bspw. Ahmed 1992; Badran 1995; Lewis
1996; Hurtado 1996).
Westlicher Feminismus:
Die Befreiung der ›anderen Frau‹
Der westliche Feminismus ist Ausdruck einer europäischen Moderne, die
andere Kulturen generell als rückständige Vorstufen der eigenen deutet. Die
Unterschiede zwischen gesellschaftlichen Kollektiven, Ethnien und Nationen
werden dabei auf eine Zeitschiene projiziert und die Anderen in einer wider-
sprüchlichen Bewegung sowohl gleich als auch anders gemacht. Denn wenn
sie auf der Evolutionsskala unten eingeordnet werden sollen, müssen sie in
der für die Entwicklung relevanten Hinsicht gleich gemacht werden. Sie sind
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik