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FEMINISMUS UND KULTURELLE DOMINANZ
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frauen in das Zentrum der Macht integriert sind und in ihrer Sozialisation
dazu erzogen werden, weiße Männer zu unterstützen und mit ihnen zu ko-
operieren. Insofern können sie in ungleich stärkerem Maß ihre Situation durch
individuelles Agieren beeinflussen, als etwa schwarze Frauen oder Frauen der
unteren sozialen Schichten, die trotz persönlichen Einsatzes ihre Lebenslage
selten nachhaltig zu ändern vermögen.
Eine solche personalistische Sicht zeigt sich in der aktuellen Debatte z.B.
in einem meritokratischen Standpunkt, bei dem die westlichen Frauen ihre
Emanzipation primär sich selbst als Verdienst anrechnen. Zweifellos waren
die Kämpfe der Frauenbewegungen hier entscheidend. Aber zugleich ist diese
Emanzipation auch ein Produkt gesellschaftlicher Transformationen, die auf
Grund des gestiegenen Wohlstandsniveaus jedem und jeder die individuelle
Verfügung über vielfältige materielle und symbolische Ressourcen erlaubt
und die auf Grund von Individualisierungsprozessen und spezifischen An-
forderungen des Wirtschaftslebens auch von jedem und jeder eine relativ
eigenständige Lebensführung verlangt. Ebenso wie diese Entwicklungen den
westlichen Frauen als Verdienst angerechnet werden, wird den muslimischen
Frauen ihre Diskriminierung als persönliche Entscheidung angelastet bzw. als
Bestandteil ihrer Kultur verstanden, für die sie sich individuell zu verant-
worten haben. So ist in den Diskussionen um die Unterdrückung musli-
mischer Frauen in Deutschland kaum die Rede von gesetzlichen Restriktionen
oder von sozialen und ökonomischen Belastungen, die ihre Lebensumstände
und damit auch ihre Entscheidungsspielräume mitbestimmen.
Die Folge einer solchen Sichtweise ist nicht nur, dass die anderen Frauen
abgewertet werden, sondern auch, dass die eigene Situation idealisiert wird.
Die einheimischen Frauen scheinen im Vergleich zu der muslimischen Frau
so emanzipiert zu sein, dass weitere Auseinandersetzungen um Geschlech-
tergerechtigkeit in der Mehrheitsgesellschaft zunehmend überflüssig werden.
Diese ›Emanzipation‹ bemisst sich jedoch nicht mehr an der Ungleichver-
teilung von Arbeit, Einkommen und Status zwischen Männern und Frauen,
sondern am Abstand zwischen der westlichen und der muslimischen Frau. Der
Fokus der Aufmerksamkeit wird gewissermaßen verlagert und der Hand-
lungsdruck, das Geschlechterverhältnis zu ändern, geringer. Dies kann zu-
mindest teilweise erklären, warum so viele zu Vorkämpfern bzw. Vorkämp-
ferinnen der Rechte der Frauen werden, solange es darum geht, die Unter-
drückung der muslimischen Frau zu beklagen.
In dieser Debatte spielt, wie wir sahen, der orthodoxe Feminismus eine
große Rolle. Das gilt auch für den liberalen, der sich jedoch nicht einfach vom
orthodoxen abgrenzen lässt. So geht es dem liberalen Feminismus primär
darum, die Freiheit der Frauen im Sinne individueller Selbstbestimmung als
Quintessenz von Emanzipation zu behaupten – was wiederum oft auch Be-
standteil des orthodoxen Feminismus ist. Aber der liberale besteht nicht not-
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik