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FEMINISMUS UND KULTURELLE DOMINANZ
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me des Symbols hat den Frauen nicht nur den Zugang zur Öffentlichkeit er-
leichtert, sondern auch zur Stärkung einer männlichen Gewaltkultur geführt.5
Demgegenüber scheint der Weg zur Gleichstellung durch Überwindung
der Geschlechterdifferenz der einfachere zu sein. Aber auch dieser Weg ist
riskant. Unter patriarchalen Bedingungen bedeutet die Aufhebung der Ge-
schlechterdifferenz im Zweifelsfall die Unterwerfung unter männliche Vor-
stellungsmuster. Das zeigt sich etwa am Beispiel der Vorstellungen von weib-
licher Berufstätigkeit, die sich zwischen deutschen und türkischen Frauen in
bemerkenswerter Weise unterscheiden, wie eine empirische Untersuchung
von Sedef Günem, Leonie Herwartz-Emden und Manuela Westphal (2003)
zeigt: Die deutschen Frauen sehen die Familie als ein weibliches Terrain und
den Beruf als einen männlichen Bereich an. Berufstätigkeit für Frauen wird
nur dann auch als etwas Weibliches verstanden, wenn damit Familien-
orientierungen verknüpft werden können. Demgegenüber sind für die tür-
kischen Frauen der Beruf ebenso wie die Familienorientierung männlich und
weiblich konnotiert, allerdings nicht auf die gleiche Weise. Der Beruf ist
weiblich insofern er der eigenen Entwicklung und Entfaltung dient, also
intrinsisch motiviert ist, während beim Mann neben dieser intrinsischen auch
die extrinsische Motivation, also die nach finanzieller Absicherung der Fa-
milie, hinzutritt. Die türkischen Frauen können ihre Berufstätigkeit also eher
auch mit Weiblichkeitsvorstellungen verbinden, gerade weil sie diese dabei
nicht negieren, sondern deutlich markieren.6
Das bedeutet, dass sowohl das Konzept der Geschlechtergleichheit wie
auch das der Geschlechterdifferenz spezifische Gefahren in sich birgt –
allerdings jeweils auch spezifische Chancen. So besteht die Gefahr bei der
Betonung der Geschlechterdifferenz darin, traditionelle patriarchale Vorstel-
lungsmuster zu stärken, während die Chance darin liegt, Weiblichkeits-
vorstellungen und ihre Symbole durch neue Praxen zu verändern. Die Über-
windung der Geschlechterdifferenz birgt hingegen die Gefahr, dass sich die
Frauen patriarchalen Normen unterwerfen müssen, während die Chance darin
besteht, sich möglichst reibungslos Zugang zu Ressourcen und Machtpo-
sitionen zu verschaffen.
Eckpfeiler des liberalen Feminismus ist neben dem Postulat der Ge-
schlechtergleichheit und Entscheidungsfreiheit die Autonomie im Sinne der
Selbstbestimmung. Auch hier fragt sich, wie sehr ihre Bedeutung vom je-
5 Interessant ist, dass trotz dieser totalitären Maßnahmen die Frauen in Iran heute
dennoch in der Öffentlichkeit, bspw. in Arbeit und Studium, stärker präsent sind
als zuvor.
6 So werden in der Türkei auch berufstätige Frauen oft mit ›Schwester‹, ›Tante‹
oder ›Mutter‹ angesprochen, also in einer spezifisch weiblichen Rolle.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik