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BIRGIT ROMMELSPACHER
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weiligen Kontext abhängig ist und somit als universaler Wert als für alle all-
gemein verbindlich erklärt werden kann.
Freiheit in Autonomie und Abhängigkeit
Der westliche Autonomiebegriff bestimmt sich nach Bhikhu Parekh (2000) in
erster Linie durch den Grad der Unabhängigkeit des Individuums von Grup-
pen oder Institutionen. Das ist seiner Meinung nach jedoch nicht das Ent-
scheidende, sondern vielmehr geht es darum, ob die Würde des Menschen
gewahrt bleibt. Diese hängt für ihn vor allem davon ab, ob einem etwas mit
Zwang oder Gewalt aufoktroyiert wird oder nicht. Ob aber eine Entscheidung
in Verbundenheit mit einer Gruppe oder eher im Sinne individueller Auto-
nomie realisiert wird, ist für ihn eine sekundäre Frage. So kann das Recht,
einer Gruppe anzugehören, ebenso elementar sein wie das der individuellen
Selbstbestimmung. Freiheit kann sowohl bedeuten, seinen individuellen
Handlungsspielraum zu erweitern, als auch sich auf andere verlassen zu kön-
nen. Welche Bedeutung im Vordergrund steht, hängt vor allem von den so-
zialen und ökonomischen Verhältnissen ab.
Das lässt sich am Beispiel der ›arrangierten Ehe‹ veranschaulichen: Wäh-
rend in westlichen Lebensverhältnissen die individuelle Wahl des Partners
bzw. der Partnerin als zentral für ein Liebesverhältnis gilt, ist dies in einem
Kontext, in dem die Einzelnen ökonomisch und sozial von anderen abhän-
giger sind, sehr viel riskanter. Hier kann eine Entscheidung gegen das Kol-
lektiv im Falle des Scheiterns zu sozialer Isolation und ökonomischer Not
führen. Eine Heirat wird in diesen Zusammenhängen auch nicht in erster Li-
nie als ein emotional motivierter Bund zwischen zwei Individuen verstanden,
sondern sie hat vor allem die Funktion soziale und wirtschaftliche Stabilität
zu sichern. Insofern können die Familien die Heirat ihrer Kinder auch nicht so
etwas Prekärem wie einem Liebesverhältnis überlassen, sondern werden sie
entsprechend den sozialen und ökonomischen Notwendigkeiten im Sinne ar-
rangierter Ehen mit beeinflussen und zu steuern versuchen (Kesselring 2003:
147).
Nun ist man im Westen der Auffassung, dass die Liebe sich alleine auf
der Basis einer höchst persönlichen individuellen Wahl entwickeln kann. Dem
widersprechen Untersuchungen, die zeigen, dass das Risiko des Scheiterns bei
arrangierten Ehen nicht größer ist als bei individuell eingegangenen (ebd.).
Ebenso übersieht das ›individualistische Modell‹, dass in der anscheinend
höchst persönlichen Wahl sehr wohl auch soziale Überlegungen eine Rolle
spielen, denn die Menschen suchen sich meist Partner bzw. Partnerinnen aus
derselben sozialen Schicht und mit derselben ethnischen Herkunft. Zudem
müssen bei der Entscheidung auch das äußere Erscheinungsbild und das Alter
des Partners/der Partnerin ›stimmen‹. Die Liebe scheint also hier eine ›Him-
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik