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FEMINISMUS UND KULTURELLE DOMINANZ
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bestimmung innerhalb patriarchaler Machtverhältnisse für Frauen bedeuten
können.
Von Seiten des Westens werden diese Ambivalenzen und Konflikte durch
eine Spaltung in Moderne und Tradition handhabbar zu machen versucht. Das
erschwert es jedoch, sich mit den repressiven Momenten der eigenen Ge-
sellschaft offen auseinanderzusetzen ebenso wie sich mit dem Transfor-
mationspotenzial in islamisch geprägten Milieus zu befassen. Zudem wird
dabei die Beziehung zwischen den westlichen und den islamischen Frauen in
einer Weise hierarchisiert, die dem Anspruch auf die Befreiung aller Frauen
widerspricht. In der Fixierung auf die ›Rückschrittlichkeit‹ der anderen Frau
wird diese unbewusst oft geradezu in dieser Rolle festgehalten, um als Kon-
trastfolie für die eigene Fortschrittlichkeit zu dienen. Diese Gefahr besteht vor
allem angesichts einer orientalistischen Tradition, in der seit Jahrhunderten
die Befreiung der muslimischen Frau im Interesse der Etablierung westlicher
Herrschaft gefordert wurde.
Eine grundsätzliche Schwierigkeit in dieser Debatte ist es also zu er-
kennen, dass auch die Forderung nach Menschenrechten der Legitimation von
Dominanzverhältnissen dienen kann – nämlich dann, wenn eine bestimmte
Form ihrer Umsetzung über unterschiedliche gesellschaftliche Strukturen und
soziale Kontexte hinweg für alle als verbindlich erklärt wird. Demgegenüber
scheint es sinnvoller, die Möglichkeiten und Grenzen von Freiheit und Selbst-
bestimmung je nach sozialem und kulturellem Kontext genauer zu betrachten
und sowohl Chancen als auch Risiken zu sehen, die z.B. eine Strategie der
Geschlechterdifferenz wie auch die der Geschlechtergleichheit in sich birgt.
Das heißt nicht, sich einer Stellungnahme durch Relativierungen zu ent-
ziehen. Aber es heißt, der Funktionalisierung von Frauen im ›Kampf der Kul-
turen‹ entgegen zu treten, indem ihre Rolle als Symbol für die jeweilige
Kultur dekonstruiert wird. Dann könnte sehr viel eher der konkrete Anteil von
Männern und Frauen sowie von sozioökonomischen Verhältnissen und kul-
turellen Traditionen an der Aufrechterhaltung von Herrschaft und Unter-
drückung auszumachen sein. Das würde heißen, in Bezug auf kulturelle
Frontstellungen abzurüsten, die Fixierung auf die Religion abzubauen und zu-
gleich uneingeschränkt gegen Gewalt und Zwang in den Geschlechterver-
hältnissen, ebenso wie gegen kulturelle und politische Radikalisierungen, an-
zugehen.
Literatur
Ahmed, Leila (1992): Women and Gender in Islam Historical Roots of a
Modern Debate, New Haven, London: Yale University Press.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik