Page - 414 - in Der Stoff, aus dem Konflikte sind - Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
Image of the Page - 414 -
Text of the Page - 414 -
RIEM SPIELHAUS
414
Züge annahm (Amir-Moazami 2007: 118 ff), so ermöglichte und bewirkte er
dennoch die Einbeziehung muslimischer Frauen und Männer in Debatten um
Gesetzgebungsverfahren. Zahlreiche Organisatorinnen und Organisatoren öf-
fentlicher Veranstaltungen und Anhörungen zeigten ein Bemühen, nicht nur
verschiedene Positionen sondern auch Repräsentantinnen verschiedener Le-
bensweisen und Interessenvertretungen in die Diskussion einzubeziehen. Vie-
lerorts in der Bundesrepublik erhielten so Musliminnen und darunter gerade
auch Kopftuchträgerinnen die Möglichkeit, ihre Positionen in der Debatte
vorzutragen.
In einem ambivalenten Prozess führte dies zu einer neuen Sichtbarkeit
und zur Kreation der »Muslimwoman« (Cooke 2007), wie Miriam Cooke die-
sen neuen Typus einer Kollektividentität beschreibt: »a visually enforced col-
lective identity« (ebd.: 140). In ihr sind Gender und Religion untrennbar mit-
einander verflochten. Sie ist gleichzeitig stereotype Fremdzuschreibung und
Modell der Selbstidentifikation. Das Kopftuch steht damit für die muslimi-
sche Frau:
»The Muslimwoman is not a description of a reality; it is the ascription of a label that
reduces all diversity to a single image. […] As women, Muslim women are outsi-
der/insiders within Muslim communities where, to belong, their identity is increa-
singly tied to the idea of the veil. As Muslims, they are negotiating cultural outsi-
der/insider roles in societies where Muslims form a minority […]« (ebd.; Hervor-
hebungen im Original).
Das Kopftuch, das die Weiblichkeit unsichtbar machen soll, bildet selbst ein
eindeutiges Symbol von Weiblichkeit, da es im hiesigen Kontext ausschließ-
lich von Frauen getragen wird. Es ermöglicht Erklärungen für die Kopftuch-
pflicht folgend den Zugang zu gesellschaftlicher und beruflicher Partizipation
(Amir-Moazami/Salvatore 2002: 320 f; Oestreich 2004: 142; siehe auch Mon-
jezi Brown in diesem Band).
Im folgenden Artikel stehen die im Rahmen der Debatte um ein Verbot
des Kopftuchtragens für Lehrerinnen in staatlichen Schulen in Deutschland
publizierten Beiträge von muslimischen Vereinigungen und in islamischen
Gemeinden verankerten Einzelpersonen im Mittelpunkt. Eine Gesamtschau
dieser Beiträge führt vor Augen, dass die ›Kopftuchdebatte‹ erheblich zur
Formierung eines deutschsprachigen muslimischen und in Teilen eng mit an-
deren Diskurssträngen verwobenen Kommunikationsfeldes beigetragen hat.
Nicht zuletzt steht dieses Phänomen eng im Zusammenhang mit der Entwick-
lung eines andere Kategorien – z.B. ethnische, nationale oder religiöse – in
zur ›Kopftuchdebatte‹ in Deutschland siehe auch Berghahn/Rostock und John in
diesem Band.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik