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RIEM SPIELHAUS
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Band). In einer Diskursanalyse identitätspolitischer und islamtheologischer
Konzepte beschreibt die Religionssoziologin Nina Clara Tiesler diese De-
batten als Wendepunkt hin zu einer ›Neuen Islamischen Präsenz‹, in deren
Verlauf muslimische Interessenvertreter zu Identitätspolitikern wurden. Nun
zeichneten sich zwei neue Tendenzen ab: die Europäisierung des Islam und
die Islamisierung von Debatten sowie Gesellschaftsmitgliedern muslimischen
Hintergrunds. Dabei führt Tiesler den Begriff ›Islamisierung‹ inhaltlich auf
den Prozess der Kulturalisierung zurück, die hier mit einer neuen, diskursiven
Fixierung, der Religion, vonstatten geht. Sie wird damit nicht oder zumindest
nicht ausschließlich von Muslimen und Musliminnen betrieben, sondern ist
Teil und Produkt eines gesamtgesellschaftlichen Diskurses (Tiesler 2006: 14
und 125).
In seiner Analyse von öffentlichen Debatten, die er als mit der franzö-
sischen ›affaire du foulard‹ 1989 begonnene und seither ununterbrochene
Serie beschreibt, kommt der Soziologe Armando Salvatore zu dem Schluss,
ein euro-islamischer Diskursraum sei im Entstehen begriffen (Salvatore 2007:
137). Das Kopftuch hat Salvatore zufolge den Status eines Symbols erlangt,
das die Verweigerung öffentlicher Transparenz versinnbildlicht und in euro-
päischen Augen zunehmend zur Ikone der Politisierung des Islams wurde
(ebd.: 136). Der Kampf um die Selbstbestimmung europäischer Säkularität
entlang einer Abgrenzungsdebatte gegenüber Musliminnen und Muslimen
und dem Islam in Europa, ermöglichte islamischen Organisationen eine In-
teressenmobilisierung durch Selbstethnisierung und damit die Konstitution
einer abgegrenzten Identität und Gemeinschaft als religiöse Minderheit. Eine
gemeinsame Religionspraxis ist hierbei nicht das konstituierende Element
(Roy 2004: 124).
Spätestens mit der ›Kopftuchdebatte‹ in Deutschland etablierten sich Pres-
semitteilungen, offene Briefe, Medieninterviews, Statements in Talkshows,
Kommentare in der Tagespresse sowie informelle, aber ebenfalls weit rei-
chende Massenemails als wichtige Elemente der über innermuslimische Öf-
fentlichkeiten hinausreichenden Kommunikation für Musliminnen und Mus-
lime und ihre Organisationen in Deutschland. Die Meinungsäußerungen in
etablierten deutschen Medien verdeutlichen den Mangel direkter Kommu-
nikationswege zwischen muslimischen Akteuren verschiedener ethnischer,
religiöser und politischer Richtungen. Indem Musliminnen und Muslime in
etablierten Medien und Diskussionsforen in einen öffentlichen Diskurs traten,
kommen sie auch mit Muslimen ins Gespräch, die nicht ihrer eigenen reli-
giösen Gemeinschaft bzw. ihrem persönlichen Umfeld angehören.
Die in öffentlichen Debatten von Vertretern islamischer Verbände zur
Kopftuchfrage geäußerten Statements sind in den akademischen Beschreibun-
gen des Islams in Deutschland und Europa bisher kaum berücksichtigt wor-
den. Weithin rezipiert wurden in der Debatte über Gesetzesinitiativen mehrere
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik