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RIEM SPIELHAUS
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danken Personen sowie Institutionen, die »einen versöhnenden und sachlichen
Beitrag geleistet haben« (ebd.).
Die ›Kopftuchdebatte‹ wirkte jedoch im muslimischen Feld keinesfalls
nur vereinend; sie hatte sogar eine stark polarisierende Wirkung. Als wich-
tigste Kritik an die gegen ein Kopftuchverbot argumentierenden Verbände
stellten Politikerinnen mit türkischem Hintergrund und türkische Verbände
wie der ›Türkische Bund Berlin Brandenburg‹ (TBB) die segregierende Wir-
kung und die Betonung kultureller Differenzen durch das Kleidungsstück
heraus. Religionspraxis, so ihre Argumentation, gehöre in den privaten Be-
reich, öffentlich sichtbare Religionsausübung verdeutliche die Absicht einer
Umformung der Gesellschaft in einen theokratischen islamischen Staat. Ihre
Argumentation gegen Kopftücher im öffentlichen Dienst verbinden viele der
türkeistämmigen politischen Akteure mit einem Plädoyer für eine Gleich-
behandlung der Religionen und damit für eine Unterbindung aller religiösen
Symbole.
»Der Türkische Bund in Berlin-Brandenburg plädiert dafür, im gesamten öffentlichen
Dienst gesetzlich das Tragen von allen politischen/religiösen Symbolen zu unter-
binden. Insofern distanziert er sich vom Gesetzesvorhaben in Baden-Württemberg.
Der Türkische Bund in Berlin-Brandenburg hat sich seit seiner Gründung für die
Gleichbehandlung von Muslimen eingesetzt (beispielsweise Religionsunterricht, Mo-
scheebau, Friedhofsregelungen). Die Forderung nach Gleichstellung kann aber nicht
bedeuten, dass Werte des Grundgesetzes, die weder deutsche, noch europäische,
sondern universelle Werte sind, ausgehöhlt werden« (TBB 2003).10
Eine Reihe türkeistämmiger Politikerinnen und Politiker, darunter Parla-
mentsabgeordnete, sprachen sich für ein Verbot des Kopftuchs für Lehre-
rinnen staatlicher Schulen aus und kritisierten gleichzeitig vehement die
Ungleichbehandlung von Islam und Musliminnen (Baba 2006).11
Eine häufig von Deutschen muslimischen Hintergrunds geäußerte For-
derung zielt auf die Gleichbehandlung durch Politik und Gesellschaft. Dass
Kopftuch und Integration zusammenhängen, scheint außer Frage zu stehen.
Worin jedoch das Integrationshemmnis besteht, im Kopftuchtragen oder im
Kopftuchverbot, darin liegt ein zentraler Meinungsunterschied (siehe auch
Rommelspacher in diesem Band).
10 Siehe auch Akgün 2005, Orig. 2003: 64; ausführlich zu den Positionen des TBB
in der Kopftuchdebatte siehe Yurdakul 2006.
11 Siehe auch die Presseerklärung des TBB v. 08.09.2008 »Den Balken vor den ei-
genen Augen sehen sie nicht…«, abrufbar: http://www.tbb-berlin.de/de/pres-
semitteilungen/2008/2008.09.08.php, 17.02.2009.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik