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RIEM SPIELHAUS
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Nur allmählich finden muslimische Aktivistinnen Gehör, die Frauenrechte auf
Grundlage islamischer Referenzen herleiten, und die um Zugang sowohl zu
innermuslimischen Debatten, als auch zu den Bühnen der politischen Re-
präsentanz in Deutschland ringen. Im öffentlichen Diskurs wurden diese Ak-
teurinnen nicht selten als Marionetten islamistischer Zirkel abqualifiziert und
ihnen die Fähigkeit zum eigenständigen Handeln abgesprochen (ebd.: 29).
Eine solche Sicht verkennt die Pluralität des islamischen Feldes hinsichtlich
der unterschiedlichen Auffassungen zur Rolle von Frauen und die Entwick-
lungen der vergangenen Jahre hin zu einer Partizipation von Musliminnen in
innergemeindlichen Strukturen (siehe auch Monjezi Brown in diesem Band).
Die neue Sichtbarkeit und der mediale Fokus auf Probleme muslimischer
Frauen entfaltete für Musliminnen, die aus religiöser Motivation heraus in der
Nothilfeberatung aktiv sind, eine ambivalente Wirkung. Selbst die stigmati-
sierenden Diskurse halten Möglichkeiten des empowerments für Musliminnen
bereit.
»Obwohl ihnen ein Zugang zur Öffentlichkeit weitgehend versperrt bleibt, hat allein
die Tatsache, dass das Kopftuch zu einem solch häufigen und heftigen Diskussions-
gegenstand geworden ist, Dinge öffentlich sichtbar gemacht, die zuvor eher im Ver-
borgenen geblieben waren« (ebd.: 264).
Trotz der Tatsache, dass die Abwehr innerhalb ihrer Gemeinden im Bezug auf
das Themenfeld ›häusliche Gewalt‹ zunächst groß war, bot die gesellschaft-
liche Diskussion darüber die Möglichkeit und verlieh den nötigen Druck,
vorhandene Probleme anzusprechen. Wenn dieser Prozess einigen engagierten
Frauen innerhalb großer Verbände auch noch zu langsam geht, so führt er
doch zu Auseinandersetzungen männlich besetzter Funktionärsgremien mit
ungeliebten Themen und mit dem fehlenden Zugang von Frauen zu Ent-
scheidungspositionen innerhalb der Verbände.18 Politik und Medien können
den innerislamisch Marginalisierten den Rücken stärken, indem sie isla-
DIK im Frühjahr 2008 nahm eine Kopftuchträgerin als Vertreterin des isla-
mischen Dachverbands ›DITIB‹ teil, die im Vorjahr in den Vorstand des Ver-
bandes gewählt worden war; abrufbar auf den Seiten des Bundesministerium des
Innern (BMI): http://www.bmi.bund.de/cln_028/nn_1018378/Internet/Content/
Themen/Deutsche__Islam__Konferenz/DatenUndFakten/Teilnehmerliste.html,
15.02.2009.
18 Medienwirksam griff der Dachverband DITIB das Thema ›häusliche Gewalt‹
am 09.04.2005 in der Konferenz ›Familie und Frau im Islam – Erfahrungen und
Aufgaben in der Gewaltproblematik‹ und mit der Einrichtung einer ›Telefon-
Hotline für Frauen in Not‹ auf. Zudem wählten die beiden bundesweiten Dach-
verbände ›Islamrat‹ und DITIB im Jahr 2007 jeweils erstmals eine Frau in den
Bundesvorstand. Der ZMD setzte 1999 die erste Frauenbeauftragte ein. Bereits
seit 1999 sind Frauen im Vorstand des bundesweiten Spitzenverbandes ver-
treten.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik