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RIEM SPIELHAUS
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einer öffentlichen Anerkennung von Bemühungen im Kampf gegen misogyne
Praktiken.
Ohne die Hilfsangebote für betroffene Frauen wesentlich zu verbessern,
setzte die Debatte Musliminnen, die innerhalb islamischer Gemeinden For-
men von Unterdrückung wie häusliche Gewalt thematisierten, innermusli-
misch dem Vorwurf der Nestbeschmutzung aus. Sie sehen sich mit der Vor-
stellung konfrontiert, Kritik an Muslimen und deren Religionsinterpretationen
ginge zwangsläufig einher mit Kritik am Islam als Offenbarung und führe
schließlich zu dessen Ablehnung oder einer Abkehr von diesem.
Die Bemühungen muslimischer Frauen für geschlechtergerechte Interpre-
tationen religiöser Texte und das Ringen um Anerkennung für einen auf isla-
mischen Quellen als Referenz beruhenden feministischen Ansatz innerhalb
der eigenen Gemeinschaften und unter Frauenrechtsaktivistinnen veranschau-
lichen das Streben um Souveränität über die eigene Identität.
Die doppelte Richtung des Bemühens muslimischer Frauen wird auch in
den abschließenden Worten eines Vortrags deutlich, den Rabeya Müller vom
ZIF auf einer Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung hielt:
»Es ist notwendig, dass Frauen die ihnen zustehenden Rechte zurückerhalten, Rechte,
von denen auf muslimischer Seite als unbestritten gilt, dass der Koran sie den Frauen
gewährt, die Umsetzung allerdings oft mehr als zu wünschen übrig lässt, Rechte, die
auf nichtmuslimischer Seite von muslimischen Gremien immer wieder eingefordert
werden, wobei vergessen wird, dass dabei das Selbstbestimmungsrecht der muslimi-
schen Frau eben auch ein solches Recht darstellt. Muslimische Frauen müssen die
Möglichkeit bekommen, ihren Rechtsradius selbst zu finden und umzusetzen, wobei
es auch zu bedenken gilt: Wer wirklich etwas für muslimische Frauen und ihre
Sichtweise tun will, lässt deren eigene Selbstkonzepte und Interpretationen zu. Dann
kann es eine starke Entwicklung im islamisch-theologischen Denken und bei den
muslimischen Frauen geben« (Müller 2008: 19).
Müller macht deutlich, dass sich muslimische Frauen vor die Herausforderung
gestellt sehen, zwei unterschiedliche Zielgruppen davon zu überzeugen, dass
der Islam Frauen Rechte und Definitionsmacht über islamisches Wissen und
Praxis zugesteht. Dabei müssen sie eine Vielzahl von Aufgaben bewältigen:
innermuslimisch für die Umsetzung koranischer Werte streiten und gleich-
zeitig die Anerkennung ihrer Selbstkonzepte und Interpretationen in der
Öffentlichkeit und im zivilgesellschaftlichen Bereich erlangen. Für beides ist
die Präsenz in Führungs- und Entscheidungspositionen islamischer Organi-
sationen unabdingbar.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik