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INTERESSEN VERTRETEN MIT VEREINTER STIMME
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Abgrenzungen unter islamischen Verbänden eher verstärkende Diskussion um
die Einführung islamischen Religionsunterrichts, brachte das Kopftuch als
Streitthema einen breiten Konsens unter bis dahin konkurrierenden Gemein-
schaften hervor. Entlang dieses Themas ließ sich ein kleinster gemeinsamer
Nenner finden, der erste Versuche gemeinschaftlichen Auftretens im ge-
sellschaftspolitischen Feld, z.B. gemeinsame Presseerklärungen, ermöglichte.
Durch die Reibung mit säkularen Positionen und den Rückbezug auf isla-
mische Normen wird so ein Prozess der Selbstdefinition als sichtbare Ge-
meinschaft in Gang gesetzt (Salvatore 2007: 156). Zumindest zeitweilig bil-
dete die ›Kopftuchdebatte‹ eine Demarkationslinie für die Grenzziehung zwi-
schen denjenigen, die eine religiöse Identifikation als Grundlage für Mo-
bilisierung und Vergemeinschaftung nutzen und denen, die religiöse Identi-
tätspolitiken ablehnten. Sie steht damit in engem Bezug zu der Auseinan-
dersetzung um die Frage, wer für die Muslime in Deutschland sprechen könn-
te. Kopftuch tragende Frauen unternahmen in diesem Kontext mit zunehmen-
dem Erfolg Anstrengungen, im gesellschaftspolitischen Diskurs aufzutreten
und für sich selbst zu sprechen.
Der laufende Prozess, in dem Frauen in Führungs- und Entscheidungspo-
sitionen von muslimischen Organisationen gelangen und die sie in besonderer
Weise betreffenden Themen als Probleme der gesamten muslimischen Ge-
meinschaft ansprechen, ist keineswegs allein durch die ›Kopftuchdebatte‹ in
Gang gekommen. Allerdings wurde er durch diese zumindest in zweierlei
Hinsicht beeinflusst: Zum einen beflügelte der öffentliche Druck, den die
Thematisierung der Frauenproblematik auf islamische Gemeinden ausübte,
diese Entwicklung. Zum anderen wurde die Hinterfragung der männlichen
Dominanz in Führungspositionen islamischer Gemeinden und die Selbstre-
präsentation engagierter Frauen in der Öffentlichkeit durch die Kreation eines
Stereotyps einer als passiv definierten ›Muslimwoman‹ erschwert.
Dennoch führte das Engagement aktiver Musliminnen in islamischen Ge-
meinden nicht nur zu innermuslimischen Auseinandersetzungen mit männ-
lichen Verbandsvertretern sondern zudem zur Sichtbarkeit in öffentlichen, vor
allem in gesellschaftspolitischen Räumen. Der unter Einbeziehung muslimi-
scher und nichtmuslimischer Stimmen entstehende Diskursraum kann indes
nicht nur zu neuen muslimischen Gemeinschaften und Vertretungsstrukturen
führen, sondern auch zu Koalitionen, die Grenzen religiöser Identitätskon-
struktionen überschreiten.
Vermutungen bezüglich der Verdrängung von Kopftuchträgerinnen aus
dem Erwerbsleben als einer weiteren Auswirkung der Debatte um Kopftuch-
verbote, konnten und sollten in diesem Artikel nicht diskutiert werden. Hierzu
bedarf es empirischer Untersuchungen, die eine solche, sich in Einzelerfah-
rungen abzeichnende Entwicklung quantifizieren und genauer erfassen könn-
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik