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MUSLIMISCHE FRAUEN UND DAS ›KOPFTUCH‹
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Ursprünglich war der Hijab eine Institution, die nur die Frauen im Haushalt
des Propheten Mohammed betraf. Im Verlauf der Ausbildung einer islami-
schen Gesellschaft wurde der Hijab Norm für das Verhalten von Männern und
Frauen untereinander und die Grundlage bestimmter Verhaltensweisen, die
das Geschlechterverhältnis muslimischer Menschen auch heute prägen.
Die Normengrundlage für die Seklusion von Frauen im Koran besteht im
Wesentlichen aus drei Versen (ebd.: 182):
1) Koran Sure 33 Vers 53:8
»O ihr, die ihr glaubt, tretet nicht ein in die Häuser des Propheten – es sei denn, dass
er es euch erlaubt – für ein Mahl, ohne auf die rechte Zeit zu warten. Wenn ihr jedoch
eingeladen seid, dann tretet ein. Und wenn ihr gespeist habt, so gehet auseinander und
beginnt keine vertrauliche Unterhaltung. Siehe, dies würde dem Propheten Verdruss
bereiten, und er würde sich eurer schämen; Allah aber schämt sich nicht der Wahrheit.
Und wenn ihr sie (seine Frauen) um einen Gegenstand bittet, so bittet sie hinter einem
Vorhang (Hijab); solches ist reiner für eure und ihre Herzen. Und es geziemt euch
nicht, dem Gesandten Allahs Verdruss zu bereiten, noch nach ihm je seine Gattinnen
zu heiraten. Siehe, solches wäre bei Allah ein gewaltig (Ding)«.
Dieser Vers wird auch als ›Hijaberlass‹ bezeichnet und betrifft die Frauen des
Propheten. Seine Erklärung bezweckt den Schutz der Privatsphäre Moham-
mads und seiner Familie, die im Laufe der Zeit sehr oft von Bittstellern und
Ratsuchenden im eigenen Hause aufgesucht wurden. Nach diesem Vers war
es diesen verboten, ohne Mohammads Erlaubnis dessen Haus zu betreten und
mit den Frauen von Angesicht zu Angesicht zu sprechen (Ghadban 2005). Im
Laufe der Zeit erweiterte sich der Wirkungskreis des Verses und heute bildet
er die Normengrundlage für Genderseklusion in islamischen Gesellschaften
im Allgemeinen.
2) Koran Sure 33 Vers 59:
»Prophet! Sag deinen Gattinnen und Töchtern und den Frauen der Gläubigen, sie
sollen (wenn sie austreten) sich etwas von ihrem Gewand (dschilbâb) (über den Kopf)
herunterziehen. So ist es am ehesten gewährleistet, dass sie (als ehrbare Frauen)
erkannt und daraufhin nicht belästigt werden. Allah aber ist barmherzig und bereit zu
vergeben«.
Mit diesem Vers wird auf Kleidung als Zeichen von Schichtzugehörigkeit
angespielt. Sowohl freie Frauen als auch Sklavinnen trugen die gleichen Klei-
der, allerdings war es unfreien Frauen im Gegensatz zu freien verboten, ihr
8 Die folgenden Zitate stammen aus der Koran-Übersetzung von Max Henning
(1998), der zum besseren Verständnis zudem den Text mit Einlassungen in
Klammern versehen hat.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik