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INDRE MONJEZI BROWN
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Die ›Neo-Muslimat‹
Seit Beginn der 1990er Jahre lässt sich beobachten, dass junge Frauen mit is-
lamischem Background sich verstärkt der Religion zuwenden und ihre Klei-
dung islamisch geprägten Normen anpassen. Sigrid Nökel bezeichnet die
Töchter der ersten ›Gastarbeiter/innen‹-Generation, die in Deutschland gebo-
ren oder als Kleinkinder den Eltern Anfang der 1970er Jahre nach Deutsch-
land gefolgt sind, als »Neo-Muslimas« (Nökel 1999: 126 f).13 Sie gehören zur
ersten Generation der vollständig hier sozialisierten Migrantinnen/Frauen mit
Migrationshintergrund und sind zumeist erfolgreich ins höhere öffentliche
Bildungswesen integrierte Personen, die sich über Bikulturalität und Bil-
dungskarrieren definieren und damit deutlich von der ersten Generation von
Einwanderinnen/Einwanderer unterscheiden:
»Sie sind die Akteure einer neuen Klassenfraktion, die als Profiteure des Bil-
dungssystems aus dem unteren sozialen Stratum herausgewachsen, gleichzeitig aber –
und insbesondere als Frauen – mit dem an Habitus und Körper ansetzenden Gast-
arbeiter-Stigma konfrontiert sind. Wie andere soziale Aufsteiger auch müssen sie ihre
Aspirationen im kompetitiven Raum der Klassenfraktionen und Lebensstile behaup-
ten« (Nökel 1999: 126).
Die jungen Frauen möchten sich als Besitzerinnen einer eigenen, gleichwer-
tigen Kultur präsentieren. Ihr Verständnis vom Islam gibt ihnen ein Gerüst zur
Ausformung einer eigenen Kultur, die im Gegensatz zur ›Gastarbeiter/innen‹-
Kultur ihrer Eltern steht. Dieser alternative islamische Lebensstil liegt zwi-
schen der von den Töchtern als ›traditionell‹ bezeichneten Kultur der Eltern-
generation und einer als ›deutsch‹ erlebten Kultur des mehrheitsdeutschen
Umfelds (Nökel 1999: 126 ff). Für diese Frauen spielt der Islam als kul-
turelles Kapital im Bourdieuschen Sinne eine große Rolle, insbesondere,
wenn es sich um ›bedeckte‹ Frauen handelt. Die Bedeckung ist für sie mit
einem möglichen Verlust ökonomischer Chancen, sozialer Anerkennung und/
oder individueller Authentizität verbunden, führt aber auf der anderen Seite
13 Dieser Begriff ist grammatisch falsch und klingt für die so bezeichnete Gruppe
nicht rund, da das arabische Wort für Muslimin ›Muslima‹ bzw. für Mehrzahl
›Muslimat‹ lautet, so dass ich im Folgenden ›Neo-Muslimat‹ verwenden werde.
Viele Frauen lehnen jedoch die Fremdbezeichnung ›Neo-Muslimat‹ insgesamt
ab, da sie der Begriff mit ›Neo-Nazis‹ assoziiert wird. Zudem werden nach is-
lamischem Verständnis alle Kinder als Muslime geboren und erst durch Erzie-
hung zu Gläubigen anderer Religionen gemacht, so dass aus Sicht der Frauen
nicht von ›Neo‹ gesprochen werden kann. Zum anderen sind die Frauen auch
keine Konvertitinnen, die man als ›Neumusliminnen‹ bezeichnen könnte; Teil-
nehmende Beobachtungen der Autorin in muslimischen Milieus in Hamburg
2005 bis dato.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik