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INDRE MONJEZI BROWN
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fordern viele von ihnen die gleichberechtigte gesellschaftliche Partizipation,
und sind bereit, sich dafür in öffentliche Diskurse zu begeben. Ihr Engage-
ment ist jedoch ein zweischneidiges Schwert. Zum einen wird ihnen von
dominanzkultureller feministischer Seite unterstellt, sie seien auf Grund von
Gewalterfahrungen konvertiert und trügen Hijab auf Grund des Einflusses
von ›Missionarinnen‹:
»Diese Frauen haben Erniedrigung und Gewalt durch Männer erlebt. Der islamische
Schleier, wird ihnen von MissionarInnen eingeredet, biete ihnen Schutz vor sexuellen
Übergriffen und der Vermarktung des weiblichen Körpers in der westlich-säkularen
Welt« (Emma 2006).40
Zum anderen sind sie bei den muslimischen Verbänden gesuchte Funktio-
närinnen, da es ihnen, im Gegensatz zu vielen ›geborenen‹ Musliminnen aus
dem gleichen Milieu, leichter fällt, Teile des Hijabs für die Interessen der
Muslime zurückzustellen und an der Long Hours Culture teilzuhaben.41 Fer-
ner dienen sie hier als Kulturdolmetscherinnen in umgekehrter Richtung: sie
sind z. B. gefragte Podiumsteilnehmerinnen zum Thema ›Die Frau im Islam‹,
da man davon ausgeht, dass sie diese als Autochthone auf Grund ihrer tief
greifenden Kenntnis der Mehrheitskultur besser als Allochthone erklären kön-
nen, was sowohl von den muslimischen Gemeinschaften als auch von der
Dominanzgesellschaft erwartet wird.
Da diese Frauen keiner muslimisch geprägten Tradition des Herkunfts-
landes verhaftet sind, entwickeln sie einen eigenständigen Weg zum Umgang
mit dem Hijab. Unter ihnen finden sich die gesamte Bandbreite von Hal-
tungen zum Hijab: Frauen, die den Gesichtschleier für sich als aus dem Koran
ableitbare Pflicht empfinden; Frauen, die ein Kopftuch tragen; Frauen, die
dies nicht als Pflicht werten; Frauen, die Hijab in muslimisch geprägten
Ländern beachten und dies in Deutschland für nicht notwendig betrachten und
Frauen, die sich nicht ›trauen‹.42 Es lässt sich beobachten, dass unabhängig
von der (Nicht-)Sichtbarwerdung des Islams durch die Bedeckung, Konverti-
tinnen zum Gegenstand neugieriger Fragen werden, sobald sie sich als Musli-
minnen outen. So sind z. B. sowohl journalistische als auch wissenschaftliche
Anfragen zum Thema ›Konversionsgeschichten von muslimischen Frauen‹
40 In dem Artikel werden, verkürzt und aus dem Zusammenhang gerissenen, Er-
gebnisse einer Studie von Monika Wohlrab-Sahr (1999) wiedergegeben.
41 Auf Grund der Ehrenamtlichkeit der Tätigkeit in den meisten muslimischen
Verbänden und Vereinen finden viele Arbeitsbesprechungen abends nach der
Arbeit statt, oft in für Hijab streng auslegende Frauen unakzeptabler Umgebung,
wie Moscheen in den ›schlechten‹ Vierteln der Stadt oder einsamen Industrie-
gebieten. Ferner sind diese Runden zumeist männlich dominiert und die betref-
fenden Frauen oft einzige weibliche Person im Raum.
42 Auf diese Personen wird im nächsten Abschnitt weiter eingegangen.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik