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MUSLIMISCHE FRAUEN UND DAS ›KOPFTUCH‹
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Viele im öffentlichen Raum ›offene‹ Frauen haben eine ambivalente Einstel-
lung zum Hijab: sie würden ihn gerne immer tragen, sehen sich dazu aber auf
Grund des massiven Drucks durch die Umwelt nicht in der Lage und haben
teilweise ein schlechtes Gewissen, diesen für sie wichtigen Teil ihrer Religion
nicht zu leben. Für andere Frauen, z. B. einige Iranerinnen, ist der Hijab auf
Grund des in ihrem Herkunftsland herrschenden Bedeckungszwangs so poli-
tisch aufgeladen, dass sie es nicht wagen, ihn in ihrer Community zu tragen.48
Ein weiteres Motiv für ein Nichtanlegen des Hijabs ist die Rücksichtnahme
auf die Angehörigen: besonders interethnisch verheiratete Frauen nehmen oft
Rücksicht auf ihre migrantischen Ehemänner, um diese nicht dem Verdacht
auszusetzen, sie würden ihre Frauen zum Hijab tragen zwingen.
Nur schwer nachzuweisen ist der Umgang von ›offenen‹ Musliminnen mit
den nicht den Bekleidungsstil betreffenden Normen des Hijabs, wie z. B. der
Gendersegregation oder der Frage, ob Frau abends alleine die U-Bahn be-
nutzen sollte.
Das Verhältnis zwischen ›bedeckten‹ und ›offenen‹ Musliminnen ist,
ungeachtet von denen in der Presse sich gegen den Hijab aussprechenden
muslimischstämmigen Frauen, im alltäglichen Umgang gut und Hijab ist als
innerislamischer Konflikt ein Thema, wo es ähnliche Standpunkte bei ›be-
deckten‹ und ›offenen‹ Frauen gibt, wie auch die folgenden Ausführungen
zeigen.
Hijab und Islamischer Feminismus49
Die Töchter der Gastarbeiter/innen und alle in innerislamischen und Dialog-
diskursen aktiven muslimischen Frauen sind bewusst oder unbewusst Teil
eines weltweiten Diskurses: des islamischen Feminismus. Hierunter wird ein
Genderdiskurs verstanden, der sich auf die religiösen islamischen Texte wie
Koran, Hadithe etc. gründet und die Umsetzung von koranisch begründeten
Normen und Ritualen in rezenten – nicht nur ›westlichen‹ – Gesellschaften im
Fokus hat. Der Diskurs wurde auf akademischer Ebene in erster Linie von
weiblichen Korangelehrten getragen, welche auf die Frauenfeindlichkeit der
traditionellen islamischen Koranauslegungen verweisen und eigene Ausle-
48 Teilnehmende Beobachtung während des DFG-Projekts »Netzwerke, Institu-
tionen und volksreligiöse Praxis von Iranern in Hamburg« des Instituts für
Volkskunde der Universität Hamburg 2001-2003.
49 ›Islamischer Feminismus‹ beschreibt den weltweiten Diskurs über Gender und
Frauen, der seine Argumentation aus religiösen Quellen wie dem Koran, der
Sunna usw. bezieht und ist damit nicht mit ›muslimischem Feminismus‹ zu
verwechseln: Muslimische Feministinnen sehen sich selbst als Musliminnen und
als Feministinnen, wobei deren Gegenargumente gegen Geschlechterungerech-
tigkeit nicht unbedingt islamisch begründet sein müssen; siehe hierzu Badran
2005.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik