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INDRE MONJEZI BROWN
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Aufbrechen eines Tabuthemas ist eine Querschnittsaufgabe, an der sich alle Männer
und Frauen in den Verbänden, Vereinen, Moscheen und in der Gesellschaft zu be-
teiligen haben. Alle Denkweisen, kulturelle, traditionelle Muster, religiöse verbrämte
Glaubensweisen unter Missbrauch von religiösen Quellen, die als Begründungen für
Gewalt gegen Frauen herangezogen werden, gilt es zu identifizieren, zu ächten und
mit den Mitteln von religiöser Bildung und Erziehung zu überwinden. Es müssen
Konzepte entwickelt werden, um in den Gemeinden und Verbänden einen Be-
wusstseinswandel zu bewirken« (SCHURA 2008).
Dieses Flugblatt wurde an die Redaktion der EMMA in der Hoffnung ge-
schickt, darüber ins Gespräch zu kommen, was jedoch nicht gelang: das Flug-
blatt wurde ignoriert, es erfolgte keinerlei Reaktion. Dies ist umso bedau-
erlicher, da es das erste seiner Art war, das von muslimischen Frauen selbst
verfasst wurde und eine Grundlage für die Eröffnung eines Diskurses zum
Thema geboten hätte.67
Ebenfalls eine oft gehörte Aktivistin der Kopftuchgegner/innen ist Necla
Kelek, die ›bedeckte‹ Frauen in die Nähe von Neo-Nazis rückt und ihnen
unterstellt, für islamistische Parteien Werbung zu machen:
»SPIEGEL ONLINE: Gibt es nicht auch Frauen, die sich freiwillig für das Tragen
eines Kopftuches entscheiden?
Kelek: Wenn Menschen sich freiwillig zu einem faschistischen System bekennen, dort
glücklich und davon überzeugt sind, dann kritisieren wir das doch auch und sehen den
gesellschaftlichen Kontext. Wir fragen uns etwa: Was bewirken diese Neonazi-Grup-
pen? Und eine Frau, die Kopftuch tragen will, flaggt für eine islamistische Partei […]«
(Kelek 2006).
Sie versucht einen gesellschaftlichen Kontext herzustellen und spricht den
Frauen Bildung, in diesem Fall soziologische Kenntnisse, ab:68
»Auch wenn sie sich selbst dafür entschieden hat, sagt sie damit, dass die Frauen
Sexualwesen sind. Das tut sie vielleicht nicht bewusst, weil sie keine Soziologin ist.
Meine Aufgabe und die von Alice Schwarzer ist es deshalb einen gesellschaftlichen
Kontext herzustellen […]« (ebd.).
Ferner kolportiert sie das Klischee von der sich abkapselnden muslimischen
Frau, die sich auf Grund des Hijabs nicht verständigen könne:
67 Auf Resonanz stieß dieses Flugblatt in erster Linie bei anderen religiös konno-
tierten Feministinnen wie z. B. Frauen aus dem christlich-feministischen Milieu.
68 Hierzu sei angemerkt, dass zwei Informantinnen bezüglich dieses Textes ausge-
bildete Soziologinnen sind.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik