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RÜCKBLICK AUF DIE INITIATIVE »AUFRUF WIDER EINE LEX KOPFTUCH«
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Befürworterinnen einer liberalen Haltung nach dem Grundsatz: Wir lehnen
persönlich das Kopftuchtragen im öffentlichen Raum ab, wir setzen uns aber
dafür ein, dass die Frauen darüber selbst entscheiden und nicht die Politik?
Ich verstand ihren Wunsch, im Staat einen Beschützer zu finden, der sie vor
einem Kopftuchzwang bewahrt, ja vor jedem Kleidungszwang. Was ich nicht
verstand war allerdings, dass sie nun einen staatlichen Zwang forderten, dem
sie in ihren Herkunftsländern in entgegengesetzer Form selbst zum Opfer
gefallen waren. Warum befürworteten gerade sie ein Kopftuchverbot? Meine
Erklärung damals wie heute ist, dass sie, wie auch viele andere Kopftuch-
gegnerinnen und -gegner, die säkulare Verfasstheit westlicher Staaten nicht
als Grundbedingung ansehen für eine freie Religionsausübung, sondern als
Auftrag zur Kontrolle von religiösen Überzeugungen und religiöser Praxis.
Mir fiel auch auf, dass Kopftuch tragende Frauen, die sich als Person und
allgemein als Gruppe diffamierenden Angriffen ausgesetzt sahen, es keines-
wegs mit gleicher Münze heimzahlten. Sie wehrten sich kaum und erklärten
eher zaghaft und oft verstört oder erschrocken von der Wucht der Angriffe,
welche Bedeutung das Kopftuch für sie persönlich hat.
Ich habe während meiner damals fast 25-jährigen Beschäftigung mit In-
tegrationsfragen nie eine ungleichere Auseinandersetzung erlebt. Selbst bei
den rituell gewordenen Diskussionen um ›Ausländerkriminalität‹ fanden sich
immer wieder große Gruppen in Gesellschaft und Wissenschaft, die mit so-
ziologischen Daten und Zusammenhängen Zuspitzungen entdramatisierten
und aufklärend wirkten. Das alles fehlte damals, im Herbst und Winter 2003,
nach dem verfassungsgerichtlichen Urteil!
Und dies hatte Folgen: Indem – fast unwidersprochen – ein Feindbild ge-
schaffen wurde, das bis heute nachwirkt, wurden Kopftuch tragende Frauen
als zu Ächtende abgestempelt. Ein Vorgang, der die Würde und die Achtung
gegenüber diesen Frauen fundamental untergrub. Die Nachbeben der dama-
ligen Debatte treffen heute Kopftuch tragende Frauen jeden Alters, jeder Bil-
dungsschicht und jeder beruflichen Tätigkeit.
Im Berufsleben »mit Kopftuch außen vor«3!?
Wir sehen Frauen mit Kopftüchern auf der Straße. Aber in der Berufswelt,
außerhalb muslimischer Einrichtungen, sind sie kaum anzutreffen. Nicht hin-
ter dem Tresen bei McDonalds, nicht als Küchenhilfe und so abgeschottet von
der Öffentlichkeit, aber auch nicht auf prestigeträchtigeren Arbeitsplätzen
z.B. als Ärztin oder Krankenschwester. Als Rechtsanwaltsgehilfinnen sind sie
3 Dies ist der Titel einer von der ›Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und
Soziales‹ herausgegebenen Broschüre zur Situation von Kopftuch tragenden
Frauen in Berlin; abrufbar: http://www.berlin.de/imperia/md/content/lb_ads/
kopftuch_klein.pdf, 13.02.2009.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik