Page - 468 - in Der Stoff, aus dem Konflikte sind - Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
Image of the Page - 468 -
Text of the Page - 468 -
BARBARA JOHN
468
ebenso wenig präsent wie als Sprechstundenhilfen. Ganz ohne Scheu und Dis-
kriminierungsbewusstsein werden sie mit der Begründung abgelehnt, Kopf-
tuch tragende Mitarbeiterinnen seien für viele eine Provokation. Die Folge:
Viele gut qualifizierte Frauen bleiben arbeitslos, obwohl ihr fachliches Kön-
nen dringend gebraucht würde.
Ortswechsel: Eine Kopftuch tragende Studentin steigt in einen Berliner
Bus und muss sich anhören, wie ein Fahrgast bei ihrem Anblick laut von den
Scheiß-Terroristen spricht. Als sie ihn zur Rede stellt, gibt es keinerlei Unter-
stützung für sie von anderen Fahrgästen.
Die österreichische Tageszeitung ›Die Presse‹ veröffentlichte im Sep-
tember 2008 eine Meldung, dass sich Beschwerden Kopftuch tragender
Frauen häufen, die sich gegen Zurückweisungen von Arbeitgebern/Arbeitge-
berinnen zur Wehr setzen.4 Noch nie, so ist von Frauen mit Kopftüchern zu
hören, war Ablehnung so deutlich zu spüren wie heute, nicht einmal nach dem
11. September 2001. Damals gab es neben der offenen Distanzierung auch
viele Versuche zur Kontaktaufnahme, um zu erfahren, wie Muslime und Mus-
liminnen auf das entsetzliche Ereignis reagierten. Das ist heute ganz anders:
Frauen mit Kopftüchern erleben im öffentlichen Raum fast überall Aus-
grenzung und Missbilligung, und zwar unverhohlen und direkt, so als gäbe es
eine öffentliche Aufforderung dazu (siehe auch Oestreich 2004).
Einige Verbotsgesetze nur für den öffentlichen
Dienst: trotzdem Verbotswirkung fast überall
So sehen sich viele Frauen so behandelt, als gäbe es ein Kopftuchverbot nicht
nur im öffentlichen Dienst einiger Bundesländer für Lehrerinnen und zum
Teil auch für andere Tätigkeiten, sondern für fast alle Beschäftigungen, eben-
so in der Privatwirtschaft. Im Jahr 2006 schrieb beispielsweise das Arbeitsamt
in Berlin einer Bewerberin, die sich für eine freie Stelle als Änderungs-
schneiderin bewerben wollte, dass Kopftuchträgerinnen nicht erwünscht sei-
en. Sicher ist, dass fünf Jahre nach der großen ›Kopftuchdebatte‹ in Deutsch-
land nicht mehr Kopftuch tragende Frauen in der Berufswelt angekommen
sind, stattdessen wurden sie auch von privaten Arbeitgebern und Arbeitge-
berinnen so behandelt, als ob sie sich für den öffentlichen Dienst beworben
hätten. Mit anderen Worten: Die Vertreibung Kopftuch tragender Muslimin-
nen aus der Arbeitswelt ist in vollem Gange!
Wenn ich Befürworterinnen bzw. Befürworter eines staatlichen Kopftuch-
verbots auf diese Folgen anspreche, dann höre ich von vielen, nicht von allen:
Das war nicht beabsichtigt. Es geht nur um ein Verbot für den öffentlichen
Dienst. Dass es nun alle Kopftuchträgerinnen trifft, liegt aber in der Logik
4 Siehe »Kopftuchträgerinnen wehren sich«. Die Presse v. 23.09.2008.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik