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KONFLIKTE UM DER FREIHEIT WILLEN SIND UNUMGÄNGLICH
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Wortspiel ›Becklash‹ war Helke Sanders Idee. Die fand ich auch gut, weil es
ja auch ›Backlash‹, also Rückschritt bedeutet. Das war damals in aller Munde.
Auch für Leute, die nicht English sprechen war klar, was ›Backlash‹ im
Feminismus bedeutet. Es war sprachlich eine Attacke insbesondere gegen
Marieluise Beck. Ich kannte sie auch persönlich aus gemeinsamen politischen
Zeiten zuvor und schätzte sie eigentlich sehr. Aber ich fand ihre Aktion feige
und als ein Einknicken vor den notwendigen Auseinandersetzungen um die
Freiheit für die Frauen. Von Barbara John wusste ich, dass sie immer den
Ausgleich sucht und für mich diesbezüglich auch immer eine liberale CDU-
Frau geblieben ist. Aber von Marieluise Beck hätte ich erwartet, dass sie den
Konflikt thematisiert, den es gibt. Und deswegen musste sie mit ihrem Namen
herhalten, ihr Name passte ja auch. Erst war ich zögerlich, denn ich wollte sie
gar nicht persönlich angreifen, ich wollte sie politisch angreifen. Sie hat sich
daraufhin aber auch nie bei mir gemeldet – ich mich aber auch nicht bei ihr.
Petra Rostock: Angesichts der Debatten über Rassismus und Feminismus, die
Du vorher erwähnt hast – war das ein Vorwurf, der auf Euren offenen Brief
kam, dass Ihr rassistisch seid?
Halina Bendkowski: Ja. Die Debatte tobt heute noch im Internet. Ich wurde
unter anderem von irgendjemand als ›Nationalfeministin‹ klassifiziert. Dar-
über musste ich fast lachen. Nur dumm, wenn die Dummen einem dumm
kommen, ohne sich dagegen wehren zu können. Aber wie die Debatte ge-
laufen ist, sind Günter Langer, Helke Sander und ich zu einem Trio non grata
geworden. Vor allem auch Helke Sander, die für ihren Film6 und ihr Buch7,
mit dem sie meines Erachtens den entscheidenden feministischen Beitrag zum
Thema Vergewaltigung in der Alliiertenzeit gemacht hat, inhaltlich und sach-
lich unzulässig angegriffen wurde. In der linksliberalen und linksradikalen
Szene wurde unser Aufruf als daneben abqualifiziert. Aber das fand ich nicht
so schlimm, ich wusste, dass wir da durch müssen. Und ich finde, wir haben
nicht nur Recht behalten sondern es ist noch schlimmer geworden. Obwohl,
was mich immer noch intellektuell und politisch kränkt und was ich der fe-
ministischen Debatte zum Vorwurf mache, ist, dass sie sich so hat ein-
schüchtern lassen und meiner Meinung nach das Denken eingestellt hat
bezüglich der Frage, was es eigentlich bedeutet, wenn man sich in der
Rassismusdebatte nicht nur auf die Seite der Männer einlässt. Ich weiß, dass
6 »BeFreier und Befreite. Krieg, Vergewaltigungen, Kinder. Deutschland 1991/
1992«. ›Bremer Institut Film/Fernsehen‹ (BIFF) in Koproduktion mit ›Helke
Sander Filmproduktion‹, ›Journal Film Klaus Volkenborn‹ und dem WDR. Re-
gie und Buch: Helke Sander.
7 Sander, Helke/Johr, Barbara (Hg.) (1992): BeFreier und Befreite. Krieg, Verge-
waltigungen, Kinder. München: Kunstmann.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik