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SABINE BERGHAHN/PETRA ROSTOCK/HALINA BENDKOWSKI
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es Rassismus gibt, das ist für mich gar keine Frage. Und es gibt auch Frem-
denfeindlichkeit. Aber wie die Gesellschaften jetzt auf die ›Kopftuchfrage‹
reagieren, ist, dass von allen Seiten die Frauen fallen bzw. alleine gelassen
werden. Ich empfinde das als einen feministischen Verrat.
Petra Rostock: Was entgegnest Du denn dem Argument, das auch von Marie-
luise Beck u.a. in ihrem offenen Brief angeführt wurde, dass ein Kopftuch-
verbot erstens nur Frauen trifft und zweitens genau den Frauen, die sich
beruflich emanzipieren wollen, Steine in den Weg legt?
Halina Bendkowski: Ich finde, das ist ein interessant gewähltes Argument, das
man aber nur verwenden kann, wenn man schon vorher akzeptiert hat, dass
Frauen sich unterzuordnen haben. Wenn Frauen untergeordnet sind, bekom-
men sie dann wieder gewisse Freiheiten zugestanden. Das ist in allen ara-
bischen Ländern so, dass Frauen bestimmte Dinge nur dürfen, wenn sie die
Anpassung geleistet, d.h. sich untergeordnet haben. So ist die Realität.
Ich weiß natürlich, dass es die Vorstellung von erwachsenen Frauen gibt,
die sich freiwillig für das Kopftuch entschieden haben. Aber so weit sind wir
in unserem Brief und unserer Initiative auch gar nicht gegangen. Wir haben
uns auf eine ganz kleine, aber lebensentscheidende Phase von jungen
Mädchen bezogen. Das heißt, dass Mädchen in öffentlichen Schulen keine
Kopftücher tragen sollen, weil in dieser Lebensphase der Zwang unkontrol-
lierbar ist, also auch nicht mal kontrollierbar durch die das Kopftuch Tra-
genden selber und um bis zu einem gewissen Alter, wenn sie sich alleine ent-
scheiden können, so viel Gleichheit wie möglich herzustellen und den Mäd-
chen einen Einfluss auf ihren eigenen Kopf zu ermöglichen.
Ich wohne ja selber in einer Gegend von Berlin, in der es einen hohen
Bevölkerungsanteil mit türkischem Migrationshintergrund gibt, deshalb ist
mir das Problem auch heute noch vertraut. Und ich muss euch sagen, es regt
sich immer wieder mein Feminismus, wenn ich die tief verschleierten Frauen
sehe und ihre Männer in sportlichen Outfits vor ihnen hergehend. Eigentlich
müsste ich hier wegziehen, weil ich diesen Anblick gar nicht ertragen kann.
Für mich ist das eine derartige schreiende sexistische Inszenierung, dass ich
dem gar nicht zuschauen kann. Es gibt ja auch bei den orthodoxen Juden diese
bekloppten Bekleidungsvorschriften, aber da sind sie wenigstens gleicher-
maßen bekloppt verteilt, die Männer im schwarzen Kaftan schwitzen genauso
wie die Frauen in ihren langen Gewandungen und unter Perücken. Das mag
man unvernünftig finden, aber es ist nicht sexistisch. Bei den Menschen aus
islamischen Herkunftsländern ist dem inszenierten Sexismus nur schwer mit
soviel Vernunft der Unvernunft gegenüber beizukommen. Die Jungs sport-
lich, flott, halbnackig bei Sonnenschein und die Mädchen daneben verschlei-
ert. Wer das nicht empörend findet, der findet das ok. Und dass die Gesell-
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik