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KONFLIKTE UM DER FREIHEIT WILLEN SIND UNUMGÄNGLICH
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Und die Kirchen tafeln mit. Für mich heißt Feminismus aber, um beim Thema
zu bleiben, nicht nur Umverteilung von Ressourcen sondern ebenso von Bil-
dung, von Förderung und von Chancen auf ein Leben auch jenseits von Reli-
gion und Familie. Ein Nachbar zum Beispiel, der verbietet seiner Frau einen
Deutschkurs und ist damit erfolgreich, weil er sich einfach nicht um die
Kinder kümmert. So einfach ist das, so banal. Das ist eine junge Frau und die
kann ihre Kinder auf Deutsch jetzt schon nicht verstehen. Und das ist wahr-
lich kein Einzelfall sondern die Realität der sich nicht verantwortlich wis-
senden Gesellschaft. Die Realität, die der Neoliberalismus erzeugt hat, bedeu-
tet in den Geschlechterverhältnissen immer eine größere Abhängigkeit und
eine Re-Inszenierung der Geschlechterhierarchie. Dem muss man sich wirk-
lich ganz bewusst und auch kämpferisch entgegenstellen und auch die Grünen
attackieren, die alle ihre emanzipatorischen Versprechen nicht nur nicht ein-
lösen konnten, sondern schlimmer, aufgegeben haben – leider auch Marie-
luise Beck. Wer bei Hartz IV für die Bedarfsgemeinschaft votiert hat, hat dem
Gleichheitstreben nach Unabhängigkeit einen backlash-Tritt verpasst.
Sabine Berghahn: Wenn wir noch mal einige Jahrzehnte zurückgehen, wurde
doch in der feministischen Diskussion von denjenigen, die nicht zur weißen
Mittel- oder Oberschicht gehörten und nicht heterosexuell waren, kritisiert,
dass im Feminismus die zwischen Frauen existierenden Differenzen nicht
berücksichtigt werden und es keine Anerkennung und keinen Respekt für
diejenigen gibt, die in irgendeiner Form vom feministischen ›Mainstream‹
abweichen. Mit dieser Kritik hat sich auch der Feminismus verändert, es ka-
men neue Denk- und Forschungsrichtungen auf, und es besteht meines Erach-
tens heute weit gehende Einigkeit, dass diese Homogenisierung der Frauen
nicht sein darf und dass auch innerhalb des Feminismus Differenzen aner-
kannt werden müssen, soweit es legitime Differenzen sind und nicht unter-
drückerische. Wer aber soll das besser beurteilen können, als die Betroffenen
selbst? Und, um noch einmal auf das Kopftuch zurückzukommen – zu diesem
relativ lächerlichen Symbol, was als solches keinen Schaden anrichtet, son-
dern allenfalls in seiner Symbolik und was dahinter vermutet wird: Da, wo
das Kopftuch wirklich freiwillig getragen wird und ihm ein positiver, Selbst-
bewusstsein ausdrückender Sinn gegeben wird, kann man eigentlich nichts
dagegen sagen und schon gar nicht von einem pluralistischen feministischen
Standpunkt aus.
Halina Bendkowski: Das ist wirklich nicht einfach zu diskutieren. Kurz ge-
fasst würde ich sagen, das ist ein Totschlagargument. Das ist genau die Debat-
te, die früher auf verschiedenen Frauensommerunis in Bremen geführt wurde.
Schon damals dachte ich, wo wird diese Beliebigkeit hinführen. Der Femi-
nismus muss dekonstruiert werden ob seines Alleinvertretungsanspruchs? Da-
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik