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KONFLIKTE UM DER FREIHEIT WILLEN SIND UNUMGÄNGLICH
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immer darum, da wo Frauen von Männern unterdrückt werden und es merken
– viele merken es auch nicht, das ist klar, viele finden auch gar nichts dabei –
und es sich aber nicht bieten lassen wollen, dass denen alle möglichen Hilfs-
maßnahmen angeboten werden. Und dazu gehört nicht nur die feministische
Debatte sondern auch, dass die Gesellschaft zivil verpflichtet ist dafür zu sor-
gen, dass sie zu keiner Unterordnung gezwungen werden dürfen.
Petra Rostock: Um noch mal auf Eure Initiative ›Becklash‹ zurückzukommen.
So wie Du das vorhin beschrieben hast, habe ich verstanden, dass Du Kopf-
tücher für Mädchen in Schulen genauso verbieten willst wie für Lehrerinnen.
Wenn ich den Aufruf »Stichwort: Becklash« lese, dann geht es aber in keiner
der Formulierungen um ein Kopftuchverbot, sondern es wird vielmehr ein Zu-
sammenhang hergestellt zwischen dem Kopftuch und jeder anderen Form von
Unterdrückung und Gewalt. Ihr schreibt: »Bei der gegenwärtigen ›Kopftuch-
Debatte‹ geht es nicht nur um eine Kleiderordnung. In Wirklichkeit befinden
sich viele in Deutschland lebende Frauen in einem rechtsfreien Raum. Es gibt
eine große Zahl hier lebender Frauen und Mädchen, für die das GG nicht zu
gelten scheint und denen das GG keine Rechtssicherheit bietet. Was heißt
das? Diese Frauen dürfen nicht aus eigenem Willen das Haus verlassen, sei
es, weil es ihnen als Ehefrauen von ihren Männern verboten wird oder weil
sie von Menschenhändlern nach Deutschland verschleppt, zur Prostitution
gezwungen und ansonsten versteckt, weil illegal gehalten werden«.12
Halina Bendkowski: Bei dem was Du gerade zitiert hast, kommt es natürlich
darauf an, was man bei der ›Kopftuchdebatte‹ überhaupt debattieren will.
Also ich debattiere über diejenigen, die gezwungen werden, und von denen
ich sehe, dass es auch mehr werden. Und es gibt tatsächlich einen rechtsfreien
Raum, es gibt für zwangsverheiratete Frauen einen rechtsfreien Raum, in dem
nichts für sie getan wird. Das ist aber die Realität von ganz vielen Frauen.
Was bedeutet das denn für eine Gesellschaft? Deshalb haben wir in dem Auf-
ruf auch gesagt, dass die Frauen und die Männer, wenn sie immigrieren, über
die Rechtslage in Deutschland aufgeklärt werden sollen. Und dafür bin ich
heute noch.
Petra Rostock: Entsprechen die Einbürgerungstestverordnung und der Nach-
weis einfacher Deutschkenntnisse beim Nachzug von Ehegatt/inn/en aus dem
Ausland Deiner Vorstellung von Aufklärung?
Halina Bendkowski: Ich bin für die wirkliche Aufklärung. Ich halte es für
zwingend geboten, dass in der Sprache der Menschen, die einwandern und in
12 Abrufbar: http://www.isioma.net/sds06203.html, 04.02.2009.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik