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KONFLIKTE UM DER FREIHEIT WILLEN SIND UNUMGÄNGLICH
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Deshalb war ich bei meinem ersten Aufruf, der ja nur über das Internet ge-
gangen ist, auch so erstaunt, dass so viele positive Reaktionen von türkischen
Frauen kamen. Und die fühlten sich alleine gelassen. Dass sich jetzt die bei-
den Ausländerbeauftragten, einerseits die nationale und andererseits die Ber-
liner, in dieser echauffierten Debatte nicht mit den Problemen auseinan-
dergesetzt, sondern eine politische Symbolik geschaffen und damit bekundet
haben: seht her, manche tragen es auch so und warum sollten die keine
Religionsfreiheit genießen – das ist, was wir ihnen zum Vorwurf gemacht ha-
ben. Wir haben ihnen zum Vorwurf gemacht, dass sie sich in dieser Situation
nicht auf die Seite derjenigen gestellt haben, die Probleme haben, die ver-
dammte Probleme haben. Eine politische Partei wie die CDU und Barbara
John haben immer geglättet. Ich habe sie damals auf zahlreichen Podien erlebt
und sie hat immer geglättet, sich mit den Repräsentanten der Ordnung immer
gut verstanden – als ob so die Probleme zu lösen wären. Ich finde, dass die
beiden Ausländerbeauftragten die Frauen damit im Stich gelassen haben. Das
nehme ich ihnen übel, auch heute noch.
Petra Rostock: Sind es nicht zwei separat zu behandelnde Themen? Wäre es
nicht einerseits möglich zu sagen, für Lehrerinnen mit Kopftuch gilt weiterhin
die Einzelfallregelung? In den Fällen, in denen es Vorbehalte gegen die Eig-
nung einer Lehrerin mit Kopftuch gibt, wird sie nach Prüfung des Einzelfalls
möglicherweise nicht eingestellt. Und ansonsten ist es sehr wohl möglich,
dass Lehrerinnen mit Kopftuch unterrichten. Und andererseits gilt es Hilfs-
möglichkeiten für diejenigen zu schaffen, die bisher alleine gelassen werden.
Es gilt das Thema Zwangsheirat auf die politische Agenda zu setzen, wie es
teilweise auch schon – beispielsweise in Nordrhein-Westfalen – geschieht.
Dabei sollte das Thema Zwangsheirat gerade nicht mit dem Kopftuch ver-
knüpft werden, schon gar nicht mit der Frage, ob Lehrerinnen Kopftuch
tragen dürfen. Denn das betrifft doch ausschließlich Frauen, auf die die mei-
sten Probleme, die Du geschildert hast, vermutlich nicht zutreffen und die
auch keine Aufklärung über ihre Rechte brauchen, weil sie ihr Recht auf
Religionsfreiheit als Lehrerinnen und Musliminnen einfordern.
Halina Bendkowski: Ich denke da ganz anders. Ich habe auch etliche dieser
Lehrerinnen in Auseinandersetzungen kennen gelernt. Und ich muss sagen,
ich war frappiert, ich war erstaunt. Das waren studierte Frauen, etliche Kon-
vertitinnen, und die haben aus ihrer religiösen Überzeugung einen Kampf
machen wollen. Bei diesen Auseinandersetzungen waren auch immer sehr
viele türkische Frauen mit und ohne Kopftuch dabei, die sich um ihre Kinder
Gedanken gemacht haben. Ich kann mich an eine erinnern, an eine Lehrerin,
mit der ich in Göttingen diskutierte. Die hat dann gesagt, es wäre doch so gut,
wenn sie mit Kopftuch Lehrerin wäre, damit die streng gläubigen Eltern
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik