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Gegenreformation
ger Religionsfrieden (cuius regio, eius religio) geschaffen.
Auf dem Münchner Fürstentag (13./14. Oktober 1579)
beschlossen die Herrscher Bayerns, Tirols und Inne-
rösterreichs planmäßig gegen die »Häretiker« vorzu-
gehen. In Innerösterreich nahm man vorerst den Adel
von gegenreformatorischen Maßnahmen aus, weil man
auf seine finanzielle und militärische Unterstützung im
Kampf gegen die Osmanen angewiesen war.
Ab 1594 kam es in den von evangelischen Slowenen
bewohnten Gebieten (→ Gailtal/Zilja, → Rosental/
Rož, Umgebung von → Villach/Beljak) zu ersten ge-
genreformatorischen Maßnahmen durch die bamber-
gische Güterverwaltung bzw. den aquileischen Erz-
priester zu → Arnoldstein/Podklošter (→ Aquileia/
Oglej).
Die 1587 zum Zwecke der Gegenreformation eigens
ins Leben gerufene Religions-Reformations-Kommis-
sion bereiste 1600 unter Fürstbischof Martin Bren-
ner von →
Seckau erstmals Kärnten/Koroška. Die
Kommission wurde von Soldaten begleitet, die in den
größeren Städten (u. a.: Klagenfurt/Celovec, Villach/
Beljak, Tarvisio/Tarvis/Trbiž, Hermagor/Šmohor), aber
auch in damals slowenischen Dörfern (u. a.: St. Stefan
im Gailtal/Štefan na Zilji, Feistritz a. d. Gail/Bistrica
na Zilji, Vorderberg/Blače, Saak/Čače) zu den Waffen
greifen mussten, um die evangelischen Prädikanten zur
Flucht und die evangelische Bevölkerung zum Aufge-
ben zu zwingen.
Martin Brenner, Bischof von → Seckau, und
Tomaž →
Hren, Bischof von Ljubljana, waren die
»geistlichen« Väter der Gegenreformation in Innerös-
terreich. Eine wichtige Rolle kam den → Jesuiten zu,
die in Ljubljana seit 1597, in Klagenfurt/Celovec seit
1604 wirkten.
Die gegenreformatorischen Maßnahmen umfassten
zu Beginn öffentliche Bücherverbrennungen, die Ver-
treibung evangelischer Prädikanten und Lehrer und
die Zwangsauflösung des evangelischen Kirchen- und
Schulwesens. Später folgten die Zerstörung evange-
lischer Kirchen und Friedhöfe, die Einlieferung von
Protestanten in Zucht- und Konversionshäuser, die
Errichtung von 26 römisch-katholischen Missionssta-
tionen in Kärnten/Koroška, die öffentliche Zurschau-
stellung am Pranger mit Geld- und Leibesstrafen, die
erzwungene Ablegung des römisch-katholischen Re-
ligionseids, Denunziationen durch Spitzel, verpflich-
tende Nachweise (etwa bei Berufsantritt) über »einen
katholischen Lebenswandel« (abgelegte Beichte, Kom-
munion und Einhaltung der Fastenvorschriften), Hei- ratsverbot zwischen Katholiken und Nicht-Katholiken
und Einziehung zum Kriegsdienst. Kinder evangeli-
scher Eltern wurden römisch-katholischen Vormunden
zur (Um-)Erziehung nach römisch-katholischem Be-
kenntnis übergeben. Nachdem die »Türkengefahr« ei-
nigermaßen gebannt war und die römisch-katholische
Seite zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges Erfolge
verzeichnen konnte, wurde 1628 der evangelische Adel
Innerösterreichs vor die Wahl gestellt – Bekehrung
zum Katholizismus oder Ausweisung (Hans Freiherr
von → Ungnad). Zu den Folgen der Vertreibung des
evangelischen Adels zählen u. a. eine spürbare wirt-
schaftliche Verschlechterung und eine Hungersnot in
Kärnten/Koroška.
Im 18. Jh. wurden die der evangelischen Konfession
trotz Verfolgung treu gebliebenen Geheimprotestan-
ten (primär Bauern und Bergknappen), so man ihrer
habhaft werden konnte, vor die Wahl gestellt, sich öf-
fentlich der römisch-katholischen Kirche zuzuwenden
oder auf eigene Kosten nach Siebenbürgen deportiert
zu werden. Während sich unter den deutschspra-
chigen Evangelischen Kärntens eine größere Zahl
für die Deportation entschied, lassen sich unter den
slowenischsprachigen Evangelischen nur Einzelper-
sonen ausmachen. Der Großteil der evangelischen
Slowenen entschied sich – zumindest nach außen hin
–, in die römisch-katholische Kirche zurückzukehren.
Ihre Nachkommen bildeten nach dem Toleranzpatent
(1781) die slowenische evangelische Filialgemeinde
zu → Agoritschach/Zagoriče, einige der sloweni-
schen Protestanten (z. B. jene aus Outschena/Ovčena,
Finkenstein/Bekštanj, Faak/Bače und Srajach/Sreje)
schlossen sich der evangelischen Pfarrgemeinde
St. Ruprecht am Moos/Šentrupert na Blatu bei Vil-
lach/Beljak an.
Die Reformation ist für die Etablierung der slowe-
nischen Sprache als → Standard- und Literatursprache
von unschätzbarer Bedeutung. Die mit der Gegenrefor-
mation einhergehende Vernichtung der evangelischen
slowenischen Schriftlichkeit wirkte sich negativ auf
den religiösen, literarischen und nationalen Bereich aus.
So wurde die Entwicklung der slowenischen Literatur
für 250 Jahre hintangehalten und die nationale Eini-
gung verlangsamt, zumal sich regionale Sprachformen
und regionale territoriale → Identitäten durchsetzen
konnten (→ Slowenisch in Kärnten/Koroška).
Lit.: G. Loesche : Geschichte des Protestantismus im vormaligen und im
neuen Österreich. Wien 1930 ; O. Sakrausky : Geschichte einer protestan-
Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
Von den Anfängen bis 1942, Volume 1: A – I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
- Subtitle
- Von den Anfängen bis 1942
- Volume
- 1: A – I
- Authors
- Katja Sturm-Schnabl
- Bojan-Ilija Schnabl
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79673-2
- Size
- 24.0 x 28.0 cm
- Pages
- 542
- Categories
- Geographie, Land und Leute
- Kunst und Kultur
Table of contents
- Geleitwort von Ana Blatnik, Präsidentin des Bundesrates (Juli – Dezember 2014) 7
- Spremna besede Ane Blatnik, predsednice državnega sveta (julij – december 2014) 8
- Geleitwort von Johannes Koder 9
- Vorwort der Herausgeberin und des Herausgebers 11
- Einleitung – slowenische Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška 15
- Alphabetische Liste der AutorenInnen/BeiträgerInnen im vorliegenden Band 38
- Verzeichnis der Siglen 40
- Verzeichnis der Abkürzungen und Benutzungshinweise 46
- Editoriale Hinweise 51
- Lemmata Band 1 A – I 55