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Germanisierung, statistische
sprachen und dass der Anteil der slowenischen Bevöl-
kerung beträchtlich höher war, so zeigen die Ergebnisse
doch Erfolge der St. G. Diese beflügelte die regieren-
den Akteure in Kärnten/Koroška zu einer offenen und
konsequenten Haltung, wonach die Landespolitik
niemals anerkennen dürfe, dass im Land neben einem
geschlossenen deutschsprachigen Gebiet auch ein ge-
schlossenes slowenischsprachiges Gebiet bestehe.
So ist es nicht weiter erstaunlich, dass die österrei-
chischen Behörden die St. G. auch nach dem Ersten
Weltkrieg fortführten. Die weitere Entwicklung der
Geschehnisse zeigte der Landesverweser Arthur Leh-
misch auf der Festsitzung des Kärntner Landtages
am 25. November 1920 auf : »Nur ein Menschenalter
haben wir Zeit, diese Verführten zum Kärntnertum
zurückzuführen : in der Lebensdauer einer Generation
muß das Erziehungswerk vollendet sein …« Dieses po-
litische Ziel spiegelt sich in den Volkszählungen, die
1923 und 1934 in der Ersten Republik durchgeführt
wurden. Bei diesen Volkszählungen wurde zwar die
sprachliche Struktur der Bevölkerung erhoben, doch
waren die entsprechenden Kriterien unterschiedlich.
1923 wurden auf der Basis der Erhebung der Umgangs-
sprache, bzw. genauer, der Sprache, »die man am besten
beherrscht und in der man denkt«, in Kärnten/Koroška
39.292 Personen (10,1 %) als slowenische Bevölkerung
erfasst. Im Jahr 1934 betrug die Anzahl der Personen
mit slowenischer Umgangssprache nur mehr 26.796.
Die Genauigkeit der Angaben aus beiden Volks-
zählungen ist sehr fragwürdig, insbesondere was jene aus dem Jahr 1934 betrifft, da die sprachliche Zuge-
hörigkeit nach jener Sprache bestimmt wurde, »… de-
ren Kulturkreis sich der Befragte zugehörig fühlt. Die
sprachliche Zugehörigkeit wird also ausschließlich
durch das Gefühl des Befragten, keineswegs aber durch
irgend welche objektiven Merkmale wie Abstammung,
Muttersprache, größere oder geringere Geläufigkeit in
der Anwendung einer Sprache, die übliche Umgangs-
sprache, Bildungsgang und dgl. bestimmt …«. Dabei
ist hervorzuheben, dass damals nicht einmal deutsch-
sprachige Fachleute die Tatsache verneinten, dass so
ein subjektives Volkszählungskriterium den Zweck der
St. G. der Minderheit diente. So schrieb etwa der deut-
sche Volksgruppentheoretiker Willhelm Greve : »Die
Assimilationskraft des Deutschtums war so stark, dass
sich zum Deutschen auch Personen bekannt haben, die
tatsächlich keine Deutschen waren. Die Bestimmung
der Nationalität aufgrund einer Erklärung, die keine
Rücksicht darauf nimmt, dass gegen diese Erklärung
die objektiven Merkmale sprechen, unterstützt also
die Assimilatio.« (→
Deutschtümler, → Assimilation,
→ Assimilant). Das gestand auch der oben genannte
österreichische Statistiker Hiess ein, der selbst ein
subjektives Kriterium der sprachlichen/ethnischen Zu-
gehörigkeit vertrat, wonach die ethnische Zuordnung
ausschließlich auf der Grundlage der Aussage anläss-
lich der Volkszählung vorzunehmen sei : »… Als sol-
ches unterliegt es [die Erklärung] selbstverständlich al-
len Fehlerquellen einer Bekenntniserhebung überhaupt
… Die zwischen zwei Völkern stehenden Personen,
Tabelle 1 : Anzahl der Orte im zweisprachigen Gebiet Kärntens, wie sie von der Schulverordnung aus dem Jahr 1945 definiert werden, nach dem Pro-
zentsatz der Bevölkerung mit slowenischer Umgangssprache.
Anteil der Bevölke-
rung mit Slowenisch
als Umgangssprache Jahr 1880 Jahr 1890 Jahr 1900 Jahr 1910
Anzahl der
Orte % Anzahl der
Orte % Anzahl der
Orte % Anzahl der
Orte %
0 – 10,0 % 19 2,5 23 2,9 46 5,9 42 5,3
10,1 – 25,0 % 16 2,1 6 0,8 18 2,3 41 5,2
25,1 – 50,0 % 17 2,2 29 3,7 46 5,9 88 11,2
50,1 – 75,0 % 40 5,2 52 6,6 86 10,9 145 18,5
75,1 – 90,0 % 53 6,9 105 13,5 109 13,8 95 12,0
90,1 – 98,0 % 131 16,9 155 19,9 131 16,7 102 12,9
98,1 – 99,9 % 64 8,3 49 6,3 53 6,7 34 4,3
100,0 % 432 55,9 361 46,3 297 37,8 242 30,6
zusammen 770 100,0 780 100,0 786 100,0 789 100,0
Quelle : M. Klemenčič : Die ethnische Entwicklung und ethnische Situation der Bevölkerung in Kärnten vor der Volksabstimmung. In : Kärnten :
Volksabstimmung 1920 : Voraussetzungen, Verlauf, Folgen, (Studien zur Geselschaft in Slowenien, Österreich un Italien, 1). Wien/München/
Kleinenzersdorf 1981, 137–153.
Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
Von den Anfängen bis 1942, Volume 1: A – I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
- Subtitle
- Von den Anfängen bis 1942
- Volume
- 1: A – I
- Authors
- Katja Sturm-Schnabl
- Bojan-Ilija Schnabl
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79673-2
- Size
- 24.0 x 28.0 cm
- Pages
- 542
- Categories
- Geographie, Land und Leute
- Kunst und Kultur
Table of contents
- Geleitwort von Ana Blatnik, Präsidentin des Bundesrates (Juli – Dezember 2014) 7
- Spremna besede Ane Blatnik, predsednice državnega sveta (julij – december 2014) 8
- Geleitwort von Johannes Koder 9
- Vorwort der Herausgeberin und des Herausgebers 11
- Einleitung – slowenische Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška 15
- Alphabetische Liste der AutorenInnen/BeiträgerInnen im vorliegenden Band 38
- Verzeichnis der Siglen 40
- Verzeichnis der Abkürzungen und Benutzungshinweise 46
- Editoriale Hinweise 51
- Lemmata Band 1 A – I 55