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Germanisierung, statistische
den vorhergehenden Volkszählungen nur hinsichtlich
der Bezeichnung der Rubrik zu Veränderungen ge-
kommen ist, in die die Sprache eingetragen wurde. So
wurde statt der »Umgangssprache« die entsprechende
Rubrik in »Muttersprache« umbenannt. Alleine diese
Benennung war ein ausreichender Grund, dass sich die
Zahl der »Slowenischsprachigen« fast um die Hälfte
erhöhte (von ca. 26.800 im Jahr 1934 auf ca. 44.700
im Jahr 1939). Natürlich kam es zu einer so hohen
Zahl von Personen mit slowenischer Muttersprache u. a.
auch deshalb, weil die zuständigen Behörden nach der
Volkszählung alle Kategorien zur slowenischen Sprache
zählten, die irgendwie mit den Kategorien »slowenisch«
und »windisch« verbunden waren, und zwar trotz der
Erklärung, wonach »windisch« ein → Dialekt sei, der
nicht mit dem Slowenischen gleichgesetzt werden
dürfe.
Nach dem Zweiten Weltkrieg behielten die Behör-
den neben der deutschen und der slowenischen Um-
gangssprache auch die Erfassung des »Windischen«
als Umgangssprache bei, ebenso wie alle möglichen
Sprachkombinationen zwischen den angeführten Ka-
tegorien. Mit dieser fachlich unzulässigen statistischen
Methode führten die Behörden auf der Grundlage von
unwissenschaftlichen Kriterien die Teilung der slowe-
nischsprachigen Bevölkerung fort, die dieselbe Sprache
sprach (einen slowenischen Kärntner →
Dialekt) und
schufen damit zwei Sprach- bzw. Volksgruppen : die
imaginäre Gruppe der »Windischen« und die »Slowe-
nen«. Fachlich unzulässig seitens der österreichischen
Behörden war auch die spätere Erfassung der Anga-
ben zur Umgangssprache, die auf der Grundlage von
methodisch zweifelhaften Volkszählungsdaten in der
Kategorie der Volksgruppenzugehörigkeit extrahiert
wurden. Wie sehr solch eine manipulative Volkszäh-
lung zu absurden Ergebnissen führte, die von den ös-
terreichischen Behörden sogar als Grundlage für die
Volksgruppengesetzgebung verwendet wurden, zeigt
die Tatsache, dass in Rauth/Rute in → Ferlach/Borov-
lje bzw. im Schulsprengel Waidisch/Bajdiše in einem
Haushalt drei Einwohner erfasst wurden, wobei einer
der Kategorie »slowenisch«, der zweite der Kategorie
»windisch« und der dritte der Kategorie »windisch-slo-
wenisch« zugeordnet wurde. Charakteristisch ist auch
ein Beispiel aus der Altgemeinde Mieger/Medgorje,
wo 1951 keine »Windischen« aufscheinen und wo
die Mehrzahl der Einwohner der Kategorie »deutsch-
slowenisch« (83 %) zugezählt wurden. Im Jahr 1961
wurde die Mehrheit der Bevölkerung der Kategorie »windisch-deutsch« zugeordnet (42,2 %), im Jahr 1971
dann 76 % als »deutsch« erfasst. So ist den statistischen
Angaben nach in 20 Jahren der Anteil der Kategorie
»deutsch« von 8 % auf 76 % gestiegen, während die
Zuordnung zur Kategorie »deutsch-slowenisch« im
selben Zeitraum von 83 % auf 12 % fiel. In der Katego-
rie »windisch-deutsch« wurde bei den Volkszählungen
1951 und 1971 niemand erfasst, 1961 jedoch 42,2 %.
Eine ähnliche St. G. wie in Südkärnten/Južna
Koroška kann auch im Bereich des autochthonen Sied-
lungsgebietes der Slowenen in der österreichischen
Steiermark/avstrijska Štajerska festgestellt werden
(→ Steirische Slowenen). So wurden etwa in Sicher-
dorf/Žetinci bei der Volkszählung 1939 189 Personen
mit slowenischer Umgangssprache erfasst, 1951 jedoch
keine einzige Person mehr. Dabei ist es nicht verwun-
derlich, dass sich unter einigen österreichischen Politi-
kern die Meinung festigte, dass es keine Slowenen in
der Steiermark/Štajerska gäbe und dass sie lediglich
durch Zufall in Art. 7 des österreichischen Staatsver-
trags von 1955 erwähnt werden.
Die Volkszählungen waren zur Zeit der Habsburger-
monarchie ebenso wie in der Ersten und in der Zweiten
Republik nur eines der Mittel der St. G. Weitere Mit-
tel der St. G. stellten die → Wahlordnungen bzw. die
diskriminierenden → Wahlkreiseinteilungen und die
territoriale Organisation allgemein dar und auch die
Gemeindegliederungen und Gemeindezusammenle-
gungen mit für die Slowenen ethnopolitisch negativen
Auswirkungen. Ebenso dienten die Volkszählungen
unterschiedlichen Missbräuchen und spiegelten nie die
tatsächliche ethnische Struktur in den von den Volks-
gruppen bewohnten Gebieten Kärntens, der Steiermark
und des Burgenlandes. Der wahre Grund für diese Art
der Volkszählungen zeigte sich im Rahmen der Volks-
gruppengesetzgebung, die dem Schutze der sloweni-
schen (und kroatischen) Volksgruppe in Österreich
dienen sollte. Die Gesetzgeber bestimmten zunächst
nur jene Orte bzw. Gemeinden als unter den Schutz
fallend, die einen Mindestanteil von 20 oder 25 % an
slowenisch- (bzw. kroatisch-) sprechender Bevölkerung
aufwiesen, wobei zu den »Slowenen« jene Personen
nicht gezählt wurden, die in einer der kombinierten
Sprachkategorien »windisch«, »windisch-deutsch« und
»deutsch-windisch« erfasst wurden. Wegen solcher
Methoden blieben die Volkszählungen auch nach dem
Zweiten Weltkrieg in Ausdruck einer Konzeption der
St. G. zur systematischen »statistischen Reduzierung«
der Volksgruppen in Österreich.
Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
Von den Anfängen bis 1942, Volume 1: A – I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
- Subtitle
- Von den Anfängen bis 1942
- Volume
- 1: A – I
- Authors
- Katja Sturm-Schnabl
- Bojan-Ilija Schnabl
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79673-2
- Size
- 24.0 x 28.0 cm
- Pages
- 542
- Categories
- Geographie, Land und Leute
- Kunst und Kultur
Table of contents
- Geleitwort von Ana Blatnik, Präsidentin des Bundesrates (Juli – Dezember 2014) 7
- Spremna besede Ane Blatnik, predsednice državnega sveta (julij – december 2014) 8
- Geleitwort von Johannes Koder 9
- Vorwort der Herausgeberin und des Herausgebers 11
- Einleitung – slowenische Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška 15
- Alphabetische Liste der AutorenInnen/BeiträgerInnen im vorliegenden Band 38
- Verzeichnis der Siglen 40
- Verzeichnis der Abkürzungen und Benutzungshinweise 46
- Editoriale Hinweise 51
- Lemmata Band 1 A – I 55