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Geschichtsschreibung und kognitive Dissonanzen
der Dissonanzauflösung oder Dissonanzvorbeugung,
die eine bereits vorhandene Einstellung oder Analyse
zunächst (bisweilen »krampfhaft«) bestätigen oder
rechtfertigen.
Nach Festinger vermeiden es Menschen sich In-
formationen auszusetzen, von denen sie eine Zunahme
der Dissonanz erwarten, wobei es ihnen dennoch häu-
fig gelingt, sich ihrem Einfluss durch Fehlwahrneh-
mung, Ungläubigkeit oder einem anderen gleicherma-
ßen zweckdienlichen Prozess zu entziehen. Dies führt
zum Schluss, »dass eine bereits bestehende Meinung,
wenn sie mit einem bestehenden Verhalten oder einer
bestehenden Gruppierung von Attitüden und Meinun-
gen konsonant ist, sehr schwer zu ändern ist« (Festin-
ger 1978, 158). Anfangs werden Informationen, die
Einstellungen zuwiderlaufen, vermieden. Danach wer-
den Informationen gesucht, die recht geben und bestä-
tigen, dass das Richtige gemacht wurde. Hilft das nicht,
werden Informationen uminterpretiert und Vorurteile
bestätigt bzw. Ursachen der Inkonsistenz schlicht ver-
drängt. Erst wenn das alles nicht funktioniert, kommt
es zu einer Änderung der Einstellungen. Eine Be-
stätigung der Sozialpsychologischen Analyse bietet
Hüther aus neurobiologischer Sicht : »Alles, was ein
Mensch an wichtigen Erfahrungen über sich selbst,
über seinen Körper und seine Beziehungen zur äußeren
Welt gesammelt und von anderen übernommen hat, ist
in Form bestimmter Verhaltensmuster von Nervenzel-
len in seinem Gehirn als innere Repräsentanz verankert
worden […]. Jede neue Wahrnehmung […] erzeugt im
Gehirn ein entsprechendes Aktivierungsmuster, ein
›Wahrnehmungsbild‹. Im Gehirn wird nun versucht,
ein bereits vorhandenes Nervenzell-Verschaltungsmus-
ter zu aktivieren (ein ›Erinnerungsbild‹), das irgendwie
zu dem durch die neue sinnliche Wahrnehmung ent-
standenen Aktivierungsmuster passt. […] Kann kei-
nerlei Überlappung zwischen dem neuen und irgend-
einem bereits vorhandenen Bild hergestellt werden, so
passiert gar nichts. Das neue Wahrnehmungsbild wird
gewissermaßen als ein nicht zu den bisherigen Erfah-
rungen passendes Trugbild verworfen.« Bei teilweisen
Inkonsistenzen kommt es jedoch zur sukzessiven Er-
weiterung und Umgestaltung des alten Musters, »bis
das durch die neue Wahrnehmung entstandene Akti-
vierungsmuster in das nun modifizierte Erinnerungs-
bild integriert werden kann« (Hüther 2008, S. 31 f.).
Kropfberger gibt schließlich aus der Management-
Perspektive einen Erklärungsansatz, wonach etwa
Kontrollinformationen von »Insidern« – in unserem Fall wären dies Historiker einer gewissen »Schule« oder
Angehörige einer sozialen »Gemeinschaft« – aufgrund
von Informationsabwertung oder Verfälschung ebenso
kognitiven Dissonanzen unterliegen und es so folglich,
von außen gesehen, zu Fehleinschätzungen kommt.
Im Kärntner Kontext bieten neben der politisch mo-
tivierten Manipulation, etwa durch Martin → Wutte,
der die → Germanisierung historisch darzustellen und
mit der unhaltbaren → Windischentheorie die Nega-
tion der Menschenrechte, politische Verfolgungen und
wirtschaftliche Diskriminierungen zu rechtfertigen
versuchte, durchaus auch kognitive Dissonanzen einen
Erklärungsansatz für Geschichtsbilder und -auffassun-
gen. Dabei kann es u. U. zu Überlappungen mit der
politischen Intentionalität kommen, sodass eine klare
Trennlinie schwer zu ziehen ist. Jedenfalls kommt es in
diesem Zusammenhang zu einer weitgehenden Nega-
tion der slowenischen → Kulturgeschichte im Lande.
Sofern Aspekte der slowenischen Kulturgeschichte
überhaupt berücksichtig werden, erscheinen diese als
vermeintlich inkohärente und unerklärliche histori-
sche Zufallserscheinungen.
Kognitive Dissonanzen können als Grundlage von
Rechtfertigungsmechanismen von → Assimilanten
und → Deutschtümlern in Betracht gezogen werden,
zumal der → Assimilierungszwang als höchst trau-
matische individuelle und kollektive Erfahrung der
Selbstverneinung erachtet werden kann (→ Assimi-
lation und PTBS). In der Geschichtsschreibung be-
gegnet man dem Phänomen der → »Entethnisierung«.
Diese Entethnisierung ist entweder politisch motiviert,
oder aber sie passiert (zum Teil) unbewusst, wobei sie
in diesem Falle u. a. kognitiven Dissonanzen unterliegt.
Von kognitiven Dissonanzen kann man ausgehen, wenn
in der Rückschau oder Evaluierung von demokratisch
legitimierten Einrichtungen eine systematische Negie-
rung des slowenischen Anteils der Kulturgeschichte
nicht beanstandet wird, weil sie nicht als solche erkannt
wird (vgl. dazu die Beispiele im Lemma → »Enteth-
nisierung«, wo etwa offensichtlich jahrzehntelang im
Rahmen der ständigen Ausstellung im Landesmuseum
von Kärnten/Koroška die slowenische Kulturgeschichte
nicht in ihrer Spezifizität erörtert wurde). Der Begriff
Slowene/slowenisch kam in der ständigen Schausamm-
lung im 1. Stock (wie sie bis Ende 2012 aufgestellt war)
offensichtlich in keiner einzigen (!) Objektbeschrei-
bung vor.
Darauf, dass das Phänomen der kognitiven Disso-
nanzen in der Geschichtsauffassung alle gesellschaft-
Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
Von den Anfängen bis 1942, Volume 1: A – I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
- Subtitle
- Von den Anfängen bis 1942
- Volume
- 1: A – I
- Authors
- Katja Sturm-Schnabl
- Bojan-Ilija Schnabl
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79673-2
- Size
- 24.0 x 28.0 cm
- Pages
- 542
- Categories
- Geographie, Land und Leute
- Kunst und Kultur
Table of contents
- Geleitwort von Ana Blatnik, Präsidentin des Bundesrates (Juli – Dezember 2014) 7
- Spremna besede Ane Blatnik, predsednice državnega sveta (julij – december 2014) 8
- Geleitwort von Johannes Koder 9
- Vorwort der Herausgeberin und des Herausgebers 11
- Einleitung – slowenische Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška 15
- Alphabetische Liste der AutorenInnen/BeiträgerInnen im vorliegenden Band 38
- Verzeichnis der Siglen 40
- Verzeichnis der Abkürzungen und Benutzungshinweise 46
- Editoriale Hinweise 51
- Lemmata Band 1 A – I 55