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Geographie, Land und Leute
Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška - Von den Anfängen bis 1942, Volume 1: A – I
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Page - 418 - in Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška - Von den Anfängen bis 1942, Volume 1: A – I

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418 Geschichtsschreibung und kognitive Dissonanzen der Dissonanzauflösung oder Dissonanzvorbeugung, die eine bereits vorhandene Einstellung oder Analyse zunächst (bisweilen »krampfhaft«) bestätigen oder rechtfertigen. Nach Festinger vermeiden es Menschen sich In- formationen auszusetzen, von denen sie eine Zunahme der Dissonanz erwarten, wobei es ihnen dennoch häu- fig gelingt, sich ihrem Einfluss durch Fehlwahrneh- mung, Ungläubigkeit oder einem anderen gleicherma- ßen zweckdienlichen Prozess zu entziehen. Dies führt zum Schluss, »dass eine bereits bestehende Meinung, wenn sie mit einem bestehenden Verhalten oder einer bestehenden Gruppierung von Attitüden und Meinun- gen konsonant ist, sehr schwer zu ändern ist« (Festin- ger 1978, 158). Anfangs werden Informationen, die Einstellungen zuwiderlaufen, vermieden. Danach wer- den Informationen gesucht, die recht geben und bestä- tigen, dass das Richtige gemacht wurde. Hilft das nicht, werden Informationen uminterpretiert und Vorurteile bestätigt bzw. Ursachen der Inkonsistenz schlicht ver- drängt. Erst wenn das alles nicht funktioniert, kommt es zu einer Änderung der Einstellungen. Eine Be- stätigung der Sozialpsychologischen Analyse bietet Hüther aus neurobiologischer Sicht : »Alles, was ein Mensch an wichtigen Erfahrungen über sich selbst, über seinen Körper und seine Beziehungen zur äußeren Welt gesammelt und von anderen übernommen hat, ist in Form bestimmter Verhaltensmuster von Nervenzel- len in seinem Gehirn als innere Repräsentanz verankert worden […]. Jede neue Wahrnehmung […] erzeugt im Gehirn ein entsprechendes Aktivierungsmuster, ein ›Wahrnehmungsbild‹. Im Gehirn wird nun versucht, ein bereits vorhandenes Nervenzell-Verschaltungsmus- ter zu aktivieren (ein ›Erinnerungsbild‹), das irgendwie zu dem durch die neue sinnliche Wahrnehmung ent- standenen Aktivierungsmuster passt. […] Kann kei- nerlei Überlappung zwischen dem neuen und irgend- einem bereits vorhandenen Bild hergestellt werden, so passiert gar nichts. Das neue Wahrnehmungsbild wird gewissermaßen als ein nicht zu den bisherigen Erfah- rungen passendes Trugbild verworfen.« Bei teilweisen Inkonsistenzen kommt es jedoch zur sukzessiven Er- weiterung und Umgestaltung des alten Musters, »bis das durch die neue Wahrnehmung entstandene Akti- vierungsmuster in das nun modifizierte Erinnerungs- bild integriert werden kann« (Hüther 2008, S. 31  f.). Kropfberger gibt schließlich aus der Management- Perspektive einen Erklärungsansatz, wonach etwa Kontrollinformationen von »Insidern« – in unserem Fall wären dies Historiker einer gewissen »Schule« oder Angehörige einer sozialen »Gemeinschaft« – aufgrund von Informationsabwertung oder Verfälschung ebenso kognitiven Dissonanzen unterliegen und es so folglich, von außen gesehen, zu Fehleinschätzungen kommt. Im Kärntner Kontext bieten neben der politisch mo- tivierten Manipulation, etwa durch Martin →  Wutte, der die →  Germanisierung historisch darzustellen und mit der unhaltbaren →  Windischentheorie die Nega- tion der Menschenrechte, politische Verfolgungen und wirtschaftliche Diskriminierungen zu rechtfertigen versuchte, durchaus auch kognitive Dissonanzen einen Erklärungsansatz für Geschichtsbilder und -auffassun- gen. Dabei kann es u.  U. zu Überlappungen mit der politischen Intentionalität kommen, sodass eine klare Trennlinie schwer zu ziehen ist. Jedenfalls kommt es in diesem Zusammenhang zu einer weitgehenden Nega- tion der slowenischen →  Kulturgeschichte im Lande. Sofern Aspekte der slowenischen Kulturgeschichte überhaupt berücksichtig werden, erscheinen diese als vermeintlich inkohärente und unerklärliche histori- sche Zufallserscheinungen. Kognitive Dissonanzen können als Grundlage von Rechtfertigungsmechanismen von →  Assimilanten und →  Deutschtümlern in Betracht gezogen werden, zumal der →  Assimilierungszwang als höchst trau- matische individuelle und kollektive Erfahrung der Selbstverneinung erachtet werden kann (→  Assimi- lation und PTBS). In der Geschichtsschreibung be- gegnet man dem Phänomen der →  »Entethnisierung«. Diese Entethnisierung ist entweder politisch motiviert, oder aber sie passiert (zum Teil) unbewusst, wobei sie in diesem Falle u. a. kognitiven Dissonanzen unterliegt. Von kognitiven Dissonanzen kann man ausgehen, wenn in der Rückschau oder Evaluierung von demokratisch legitimierten Einrichtungen eine systematische Negie- rung des slowenischen Anteils der Kulturgeschichte nicht beanstandet wird, weil sie nicht als solche erkannt wird (vgl. dazu die Beispiele im Lemma →  »Enteth- nisierung«, wo etwa offensichtlich jahrzehntelang im Rahmen der ständigen Ausstellung im Landesmuseum von Kärnten/Koroška die slowenische Kulturgeschichte nicht in ihrer Spezifizität erörtert wurde). Der Begriff Slowene/slowenisch kam in der ständigen Schausamm- lung im 1. Stock (wie sie bis Ende 2012 aufgestellt war) offensichtlich in keiner einzigen (!) Objektbeschrei- bung vor. Darauf, dass das Phänomen der kognitiven Disso- nanzen in der Geschichtsauffassung alle gesellschaft-
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Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška Von den Anfängen bis 1942, Volume 1: A – I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Title
Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
Subtitle
Von den Anfängen bis 1942
Volume
1: A – I
Authors
Katja Sturm-Schnabl
Bojan-Ilija Schnabl
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2016
Language
German
License
CC BY-NC 3.0
ISBN
978-3-205-79673-2
Size
24.0 x 28.0 cm
Pages
542
Categories
Geographie, Land und Leute
Kunst und Kultur

Table of contents

  1. Geleitwort von Ana Blatnik, Präsidentin des Bundesrates (Juli – Dezember 2014) 7
  2. Spremna besede Ane Blatnik, predsednice državnega sveta (julij – december 2014) 8
  3. Geleitwort von Johannes Koder 9
  4. Vorwort der Herausgeberin und des Herausgebers 11
  5. Einleitung – slowenische Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška 15
  6. Alphabetische Liste der AutorenInnen/BeiträgerInnen im vorliegenden Band 38
  7. Verzeichnis der Siglen 40
  8. Verzeichnis der Abkürzungen und Benutzungshinweise 46
  9. Editoriale Hinweise 51
  10. Lemmata Band 1 A – I 55
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