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Glagolica
wurden schon 100 Jahre vor Eintreffen der »Slawen-
apostel« von Salzburg als confines Carantanorum reli-
giös betreut. Die Leute des früheren dux Maravorum
Moimar haben Pribina, den Vater von → Kocelj/
Chezilo, aus Morava verjagt. Pribina floh »in den
Westen«, kooperierte freundschaftlich mit → Salzburg
und ließ an der Sala/Zala von Salzburger Baumeistern
viele Kirchen erbauen und vom Salzburger Erzbischof
einweihen. 861/862 fällt Pribina (quem Maravi oc-
ciderunt) in einer Schlacht der fränkischen Herrscher
gegen die Moravaner des Rastislav. 863 schickt der
griechisch-byzantinische Kaiser Kyrill und Method
aus Solun/Saloniki (»wo alle slawisch sprechen«) nach
Morava zu Rastislav und Sventopulk. Der Anfang
der neuen, eigens für diesen Missionsauftrag erfunde-
nen Schrift Glagolica beginnt 863 so : »Gott offenbarte
dem Filosofen die slawische Schrift und sogleich ordnete er
(Kyrill) die Buchstaben und stellte ein Abecedarium (a/
beseda) zusammen.«
Die 60er-Jahre des 9. Jh.s waren für die Confines Ca-
rantanorum und die pannonische Umgebung von eu-
ropäischer Bedeutung : Es ging um die politische Un-
abhängigkeit vom jeweiligen Nachbarn : Bulgarien von
Konstantinopel, Pannonien vom fränkisch-bairischen
Staat und der Salzburger Kirche. 863 treffen sich Lud-
wig »der Deutsche« (rex Baivariorum) und der bulga-
rische Chan Boris im niederösterreichischen Tulln zu
Kooperations-Verhandlungen. Der griechisch-byzanti-
nische Patriarch Photios wird von Papst Nikolaus
wegen religiöser Streitigkeiten exkommuniziert. Pho-
tios exkommuniziert seinerseits den römischen Papst
Nikolaus. Bulgarien wendet sich an Rom um Missi-
onare. Der römische Papst plant eine Bulgarien-Mis-
sion. Es werden Bischöfe und Priester aus Rom und
Baivarien nach Bulgarien entsandt. Eine hochrangige
bulgarische Delegation geht über Cividale (friul. Civi-
dat, slow. Čedad) mit einem Fragenkatalog nach Rom.
Es entstehen die berühmten Responsa Nicolai papae ad
consulta Bulgarorum.
In dieser verwirrenden Konstellation schickt der
byzantinische Kaiser Michail die beiden Brüder
Kyrill und Method nach Pannonien, in die confi-
nes Carantanorum. Daraufhin verlässt der Salzburger
Erzpriester Rihpaldus, der am Hof des gefallenen
Pribina tätig war, seinen pannonischen Amtssitz und
geht frustriert nach Salzburg zurück. 869 starb Kyrill
in Rom. 870 entsteht das Salzburger »Weißbuch« über
die Mission bei den Karantanern und in den Confi-
nes, die → Conversio Baivariorum et Carantanorum. 870 wird Method von den Salzburgern zweieinhalb Jahre
in Klosterhaft gehalten (→ Chiemsee). Die bairisch-
fränkischen Priester müssen angeblich Morava/Panno-
nien verlassen. Die Rolle → Koceljs, des Sohns und
Nachfolgers von Pribina, in seinem ducatus und seiner
Burg (in castro Chezilonis) Mosapurc (heute ungarisch
Zalavár) ist undurchsichtig. Er kooperiert mit zwei
konträren Parteien : Noch 864 feiert der Salzburger
Erzbischof Adalwin bei ihm Weihnachten. Gleich-
zeitig wendet er sich im Interesse Methods an den
römischen Papst. Die Aktionen Roms waren wenig er-
folgreich und Salzburg gegenüber unklug.
Das pannonische Abenteuer endet für das grie-
chisch-byzantinische Konstantinopel, ebenso wie für
Bulgarien, ungünstig. Der Moravaner Sventopulk
schließt schon 870 mit dem fränkischen König Frieden
und nähert sich wieder »dem Westen« an. Rastislav
wird wegen Hochverrats zum Tod verurteilt und zur
Blendung begnadigt. 874 wieder weiht der Salzburger
Erzbischof Theotmar für Kocelj in Ptuj (Pettau)
eine Kirche, obwohl Method in seiner Burg gerade
die Bibel ins »Slawische« übersetzt. Kocelj selbst ver-
handelt weiterhin mit Rom für Method. 885 stirbt
Method und wird in seiner Kathedrale in Sremska
Mitrovica (Sirmium) als »moravischer Erzbischof«
(arhiepiskup moravsk) begraben. Als Nachfolger hatte
er sich den adeligen Gorazd gewünscht, weil die-
ser »in den lateinischen Schriften gut bewandert« ist.
Man konnte übrigens das Slowenisch mit lateinischen
Buchstaben ganz gut schreiben (→ Schrift). War es die
Absicht Kyrills und seine persönliche Entscheidung,
mit einer ganz neu erfunden Schrift statt der vertrauten
lateinischen und griechischen einen dritten Weg zu ge-
hen ? Der byzantinische Kaiser jedenfalls hat ihm den
Auftrag zur Erfindung einer neuen Schrift nicht erteilt.
Übrigens erwähnt Porphyrogenntos 950 in De ad-
ministrando imperio mit keinem Wort → Salzburg und
das byzantinische Pannonien-Experiment.
Die Schrift, die Kyrill erfunden und für die Bi-
belübersetzung verwendet hat, ist die G., benannt
nach dem 4. Buchstaben (glagol) des Alfabetgedichts.
Glagol ist »das Wort«, glagolati bedeutet »sprechen«.
Das Wort ist keltisch und wurde von den Ladinern
(→ Altladinisch) übernommen. Römer und Griechen
hatten keine Glocken. Der Glockenschwengel hieß
ladinisch clocul, bairisch Glachel. Das glagolitische Abc,
um einige Buchstaben für besondere slawische Laute
ergänzt, entspricht genau dem griechischen »Alpha-
Beta«. Außer dem hebräischen ש/Ш stimmen einige
Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
Von den Anfängen bis 1942, Volume 1: A – I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
- Subtitle
- Von den Anfängen bis 1942
- Volume
- 1: A – I
- Authors
- Katja Sturm-Schnabl
- Bojan-Ilija Schnabl
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2016
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79673-2
- Size
- 24.0 x 28.0 cm
- Pages
- 542
- Categories
- Geographie, Land und Leute
- Kunst und Kultur
Table of contents
- Geleitwort von Ana Blatnik, Präsidentin des Bundesrates (Juli – Dezember 2014) 7
- Spremna besede Ane Blatnik, predsednice državnega sveta (julij – december 2014) 8
- Geleitwort von Johannes Koder 9
- Vorwort der Herausgeberin und des Herausgebers 11
- Einleitung – slowenische Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška 15
- Alphabetische Liste der AutorenInnen/BeiträgerInnen im vorliegenden Band 38
- Verzeichnis der Siglen 40
- Verzeichnis der Abkürzungen und Benutzungshinweise 46
- Editoriale Hinweise 51
- Lemmata Band 1 A – I 55